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Update: 06.03.2016, 13:16 Uhr

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Krumme Wege der Erkenntnis




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Von Walter Klier




    Die Sagenhaften begleiten uns durch die Jahrhunderte, überlebensgroße Beispiele des Menschseins, der menschlichen Möglichkeiten oder der Abgründe des Tragischen: Herakles, Odysseus, Medea - oder eben Ödipus. Atemberaubend und gänsehauterzeugend wie am ersten Tag wird die Sache dann, wenn es einem forschenden Geist gelingt, solch einen Sagenhaften als historische Figur dingfest zu machen (Immanuel Velikovsky: Ödipus und Echnaton. Europa Verlag, Wien 1966, 248 S., antiquarisch ab 297,- Euro, die englische Ausgabe als Taschenbuch ist deutlich günstiger). Velikovsky ist einem interessierten Kreis bekannt als Wiederentdecker und -anwender des Katastrophismus, demzufolge die Entwicklung der Erde und zuletzt des Menschengeschlechts nicht durchwegs nach darwinistischem Modell, also in winzigkleinen Schritten und entsprechend langen Zeiträumen abläuft, sondern mit großen Brüchen, Katastrophen kosmischen Ursprungs in entsprechend kürzerer Zeit.

    Das notorische Fehlen der missing links im Pflanzen- und Tierreich sei als Hinweis ebenso genannt wie die weltweite Verbreitung von Katastrophenberichten in der frühesten Überlieferung der Völker. Velikovsky war Psychoanalytiker und Historiker, und so hat ihn seine Entdeckung, dass es sich bei der Ödipussage um die Wiedergabe einer Episode aus der überlieferten ägyptischen Geschichte handelt, ganz offensichtlich fasziniert. Ein unvoreingenommener Leser wird sich dieser Faszination kaum entziehen können.



    Einem anderen Sagenhaften geht es umgekehrt. Unter dem peniblen Forscherblick des in der Velikovsky-Nachfolge stehenden Heribert Illig hat Karl der Große sich in den 1990er Jahren von einem so beliebten wie historisch gut abgesicherten Faktum in die pure Sage zurückverwandelt, aus der er wohl anfangs kam, in eine Fiktion, die eben letztlich zu schön ist, um wahr zu sein. Wie bei Velikovsky und eben immer, wenn einer ausnahmsweise einmal selber denkt, war die zuständige Fachwissenschaft beleidigt und ließ darüber nicht mit sich reden - zumal Illig nicht nur Karl den Großen, sondern gleich noch das ganze frühe Mittelalter (300 Jahre) aus der gesicherten Historie hinausgeworfen hat. Abgesehen von seinen zahlreichen Büchern publiziert Illig seit 1989 eine Zeitschrift namens "Zeitensprünge", die sich den vielfältigen historischen Fragen widmet, die sich aus der Chronologiekritik ergeben. Kürzlich ist das hundertste Heft erschienen (Mantis Verlag, Gräfelfing, 27. Jahrgang, Dez. 2015). Ein kleiner Glückwunsch zur runden Heftnummer ist in diesem Fall wohl angebracht. Es ist keine Kleinigkeit, so etwas so lange durchzuhalten, wie ich als Ex-Mitherausgeber einer Literaturzeitschrift bestätigen kann, die sich immerhin fast zehn Jahre lang gehalten hat - und als Exponent in einem den zwei genannten vergleichbaren Fall kann ich davon berichten, wie ungemütlich die erwähnte Fachwelt wird, wenn sie sich angegriffen fühlt. Und sie fühlt sich stets durch Meinungen angegriffen, die nicht dem herrschenden Konsens folgen.

    Mir ging das einst mit einem Büchlein so, worin ich mich mit der Identität von William Shakespeare beschäftigte, an der ja seit bald 200 Jahren fleißig gezweifelt wird. Neulich ist das gewiss kürzeste und wohl auch lustigste Buch zu dem Thema auf Deutsch herausgekommen (Mark Twain: Ist Shakespeare tot? Aus meiner Autobiographie. Stratosverlag, Neue-Shakespeare-Gesellschaft, Hamburg 2015, 135 S.). Erstmals im letzten Lebensjahr (1909) des Autors erschienen, wurde es in der englischen Mark-Twain-Gesamtausgabe fast unauffindbar in einem Winkel versteckt und die ersten hundert Jahre lang auch nicht ins Deutsche übersetzt, was bei einem solchen Welt-Autor überrascht. Aber an der eigentlich harmlosen Frage, welche historische Figur hinter dem Autor-Namen William Shakespeare steckt, macht man sich nicht ungestraft zu schaffen. Das erfuhr schon Sigmund Freud, der absolut überzeugt davon war, dass man in der Person Edward de Veres, des 17. Grafen von Oxford, den wahren Shakespeare gefunden hatte. Den Freudianern ist es bis heute peinlich, dass Freud ein Oxfordianer war. Komisch, nicht?

    Es ist schon interessant, sich in solchen Randgebieten der Geisteswissenschaften herumzutreiben, von den jeweils behandelten Themen ganz abgesehen. Man erfährt hier viel über die krummen Wege, die die menschliche Erkenntnis mitunter nimmt.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-03-04 16:32:09
    Letzte Änderung am 2016-03-06 13:16:38


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