• vom 09.10.2016, 14:00 Uhr

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Lyrik erlesen

Atmungsvorgang aus Versen




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Von Andreas Wirthensohn


    In den Jahren 1965/66 entspann sich im Umfeld der Literaturzeitschrift "Akzente" eine rege Diskussion in Sachen Lyrik. Auslöser waren Walter Höllerers "Thesen zum langen Gedicht". Dieses "Programm" wollte der klassischen Poesie eines Paul Celan, eines Gottfried Benn, einer Ingeborg Bachmann etwas Neues entgegensetzen, "eine Gegenbewegung gegen Einengung in abgegrenzte Kästchen und Gebiete". #bdquo⟨ldquo# meinte dabei nicht nur die versliche Ausdehnung dieser neuen lyrischen Gebilde, sondern auch einen anderen "Umgang mit der Realität".

    Lyrik sollte sich dem Alltag öffnen, kein elitäres Raunen mehr sein, sondern Medium der Selbst- und Weltverständigung, nicht dem drohenden Verstummen abgerungen, sondern geschwätzig, beweglich, mit dem Mut zur Banalität. Günter Herburger wünschte sich "Gedichte wie vollgestopfte Schubladen, die klemmen", ohne Metaphern und hohen Ton. Diese Diskus-sion war eine Art "‘68" der Lyrik und bereitete vor, was dann in den 1970er Jahren zur vollen Blüte kam: die Alltagslyrik der Neuen Subjektivität. Wobei deren oft ausladende Produkte nicht selten an das erinnerten, was Charles Baudelaire einmal gesagt hatte: "Was die langen Gedichte anbetrifft, so wissen wir, was von ihnen zu halten ist. Sie sind die Zuflucht derer, die unfähig sind, kurze zu machen."

    Uns Heutigen erscheint diese Diskus-
    sion reichlich seltsam, aber ihr haben wir es auch zu verdanken, dass die Frage, wie einer dichtet, ob kurz oder lang, weihevoll oder schnoddrig, in gebundener Rede oder freier Rhythmik, schon lange reichlich egal ist. Keine Gattung ist in der Wahl ihrer Mittel so frei wie die Lyrik. Trotzdem ist natürlich interessant zu sehen, was das lange Gedicht heute so macht und kann. Besonders üppig geraten ist es bei Kurt Drawert. Sein Poem "Der Körper meiner Zeit" (C.H. Beck, 2016) umfasst 88 Abschnitte, eine Danksagung und eine wortlose Fotoerzählung - und das auf ziemlich genau 200 Seiten. Es "erzählt" vom Schreiben, von einem langen Aufenthalt in Istanbul, vom Verlust einer großen Liebe, vom Tod und der Suche nach dem Glück des Lebens.

    Die Tonlage wechselt gerne, ebenso der Rhythmus der Verse, und doch entspricht dieses Langgedicht auf wunderbare Weise dem, was der amerikanische Dichter Charles Olson Mitte der 1960er Jahre als zeitgemäße Lyrik ansah - das Gedicht als Atmungsvorgang, der aus Silben Wörter, Verse, Strophen erstehen lässt. "Vor dem größten aller Abschiede aber müssen wir Rück-/kehrer / sein, Kreis-/gänger, die Wieder-/holung der Wieder-/holung er-/ tragend, und auch der Tod ist nur das Ende einer Terzine."

    Der Alltag findet in diese Verse ebenso Eingang wie der tiefe Gedanke, auf Popkultur wird genauso beiläufig angespielt wie auf die Lyriktradition eines Rilke oder Günter Eich. Und doch ist das mehr als lyrische Bequemlichkeit, die alles, was einem so durch den Kopf geht oder vor die Augen kommt, wahllos in Verse stopft. Drawert, der als literarisches Multitalent (Lyrik, Essay, Roman) noch immer deutlich unterschätzt wird, ist ein akribischer Wortarbeiter, der weiß, dass Gedichte, ob lang oder kurz, letztlich nur aus einem bestehen: aus Sprache.





    Auch Björn Kuhligk hat ein langes Gedicht vorgelegt, das Walter Höllerer vermutlich auch deshalb gefallen hätte, weil es eminent politisch ist:"Die Sprache von Gibraltar" (Hanser Berlin, 2016) widmet sich dem Flüchtlingsthema, und zwar aus Anlass eines Besuchs auf den Vorposten Europas in Afrika, also dort, wo die EU-Außengrenze längst zur bestgesicherten Barriere der Welt ausgebaut ist: in Melilla und Gibraltar. "es ist 2015, Oktober, es ist Bewegung / auf den Kontinenten, die See, die große Trösterin / ist ruhig oder ist es das Meer, das Grab".

    Kuhligks Poem ist wütend, traurig, empört und unternimmt zum Glück erst gar nicht den Versuch, zu leugnen, dass das Ich "bei den Satten, den Siegern" ist: "mare nostrum, nicht eures". Gerade deshalb gleitet das Gedicht nie in versifizierte Leitartikelei oder billige Gefühlsduselei ab, sondern macht das, was gute Gedichte stets tun sollten: Es verändert den Blick auf die Wirklichkeit, die Weltwahrnehmung zumindest ein Stück weit.

    Dass Kuhligk auch kurze Gedichte schreiben kann, beweist der zweite Teil dieses Bandes. Dort isst er dann auch die "Naturlyrik-Suppe", gegen die er sich im Langgedicht noch augenzwinkernd wendet, und entwickelt eine Poetik des anything goes, die den schönen Titel "Das Gedicht geht durch einen Körper und grüßt nicht mal" trägt. "Das Gedicht wird manchmal richtig scheiße", heißt es dort. In diesem Fall ist es richtig gut geworden.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-10-06 18:14:09
    Letzte Änderung am 2016-10-06 18:44:14


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