• vom 15.10.2016, 17:00 Uhr

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Holländer in Südtirol, Belgien und Polen




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Von Walter Klier




    Nach 23 Jahren ist die flämische und niederländische Literatur also wieder "Ehrengast" der Frankfurter Buchmesse. Damals war sie für die meisten deutschsprachigen Leser ziemliches Neuland, seither hat sich das grundlegend geändert. Namen wie Cees Nooteboom, Harry Mulisch, Hugo Claus, Margriet de Moor oder Connie Palmen gehören ganz selbstverständlich in unser literarisches Bewusstsein.

    Damals, 1993, schrieb der Literaturkritiker Hermann Wallmann: "Wenn die großen lateinamerikanischen Autoren uns zeigen, wie alltäglich das Phantastische, dann zeigen die niederländischen Autoren, wie ‚phantastisch‘ der Alltag ist, den sie weder bagatellisieren noch heroisieren, sondern: zeigen, und zwar so phantasievoll, dass es oft schon wieder beiläufig wirkt." So stand es in der (seinerzeit der "Wiener Zeitung" freundschaftlich verbundenen) Innsbrucker Kulturzeitschrift "Gegenwart" zu lesen, die zum Anlass einen Niederlande-Schwerpunkt brachte, und mir scheint, dass das immer noch eine gute Kürzestbestimmung abgibt.

    Wie immer bringt uns ein solcher Buchmessen-Schwerpunkt viele neue Bücher, und ein paar alte werden wieder aufgelegt. Das ist alles eine durchaus interessante und vielfältige Angelegenheit. Einerseits sind da einige Klassiker, etwa Louis Paul Boons "Mein kleiner Krieg" oder Hugo Claus’ unvergesslicher Riesenroman, "Der Kummer von Flandern", neu herausgebracht worden, ebenso ein früher, bei uns bisher praktisch unbekannter Roman von Harry Mulisch, "Schwarzes Licht" von 1956, und von Margriet de Moor eine leicht überarbeitete Novelle von 1989, "Schlaflose Nacht".

    Und dann gibt es allerlei - zumindest für mich - Neues. Ernest van der Kwast, Jahrgang 1981, schreibt in seinem sehr kurzen Roman über eine lebenslang unerfüllte Liebe, "Fünf Viertelstunden bis zum Meer" (mare Verlag, 96 Seiten) eine Geschichte ganz ohne Bezug zu den Niederlanden. Der Held dieses Melodrams, aus Apulien stammend, verbringt sein Berufsleben nämlich in Südtirol mit Äpfelbrocken. Die Erklärung findet sich im Klappentext - und dort auch ein Hinweis auf den Südtiroler Freizeitwohnsitz des Autors.

    Sehr zeitgenössisch gibt sich Joost de Vries mit dem Roman "Die Republik" (Heyne, 304 S.), einer Satire auf den Wissenschaftsbetrieb, worin die handelnden Personen unablässig um den Globus jetten; als Leser habe ich darin eher früher als später die Richtung verloren.



    Eine klare Richtung hingegen hat Fikry el Azzouzis "Wir da draußen" (Dumont, 224 S.), ein Roman über deklassierte muslimische Jugendliche in einem belgischen Kaff, die sich, zum Teil jedenfalls, zum Islamistischen hinentwickeln, als ihnen ihr üblicher kleinkrimineller Alltag zu langweilig zu werden beginnt. Beim Lesen wird einem die Ödnis eines solchen Lebens so wort- und sachgenau näher gebracht, dass man sich ebenfalls eher früher als später nach einer anderen Lebensform zu sehnen beginnt, vielleicht nicht gerade nach einer Karriere als Syrienkämpfer.

    Hinreißend fand ich den ersten Roman der Dramatikerin Lot Vekemans (Jahrgang 1965), "Ein Brautkleid aus Warschau" (Wallstein, 253 S.). Eine junge Polin vom Lande hat in Warschau eine wunderbare erste Liebe mit einem Amerikaner. Als er wieder abgereist ist, wird ihr klar, dass sie ein Kind von ihm bekommt. Ihre Mutter ist fürs Abtreiben; sie will es behalten. Sie entfleucht aus dem elterlichen Haus und heiratet Hals über Kopf - einen holländischen Bauern. Er nimmt das Kind als seines an und gewinnt es auch lieb. Die Eheleute verbindet eigentlich nichts, jedenfalls aus der Sicht der Frau, die schließlich mit dem Kind wieder nach Polen abreist. . .

    Information

    Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.

    Eine grimmige Komödie über das heutige Europa, wo Kinder so selten geworden sind, dass überall, wo eines (oft aus Versehen) auftaucht, gleich ein halbes Dutzend Erwachsene um es herumstehen bzw. um es streiten. Ein einfühlsames Buch, mit größter Ökonomie und Treffsicherheit geschrieben, großartig.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-10-13 18:56:12
    Letzte Änderung am 2016-10-14 17:10:22


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