• vom 05.11.2016, 17:00 Uhr

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Schreibmaterial

Ein Handlanger der Poesie




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Von Ingeborg Waldinger

  • Der Bleistift ist vielen Schriftstellern ein geheiligtes Instrument ihrer poetischen Welterfassung - und Gegenstand derselben.

"Der Bleistift roch nach Rosmarin": Mit welch sinnlichem Zauber lud Peter Handke doch dieses buchstäblich hölzerne Schreibutensil auf! Der Satz entstammt seinem Journalband "Phantasien der Wiederholung", wo der Autor das ihm entsprechende "Werkzeug" vorstellt: "Nicht die Kamera, auch nicht der Pinsel oder die Schreibmaschine." Nein, Handke hat sich letztlich für den Bleistift entschieden.

Dem Schriftsteller ist sein Schreibgerät naturgemäß mehr als bloßer Gebrauchsgegenstand: Es ist das Instrument seiner poetischen Welterfassung - und nicht selten auch Gegenstand derselben. Dabei erweist sich der Bleistift edleren Gerätschaften als durchaus ebenbürtig, wie Autoren unterschiedlicher Länder und Epochen bezeugen.


Handkes nach Rosmarin riechender Bleistift wird von dessen Landsmann Josef Winkler in dem Buch "Mutter und der Bleistift" zitiert; Winkler assoziiert mit dem althergebrachten Schreibgerät noch weitere Sinnesreize: "Oft roch es im Winter am Nachmittag in der stillgewordenen Küche, in der man nur das Rattern der Nähmaschine und das Kritzeln des Bleistifts hörte, nach Weihrauch und auch dem bitterharzigen Aroma der weinroten und bronzegelben Chrysanthemen". Winkler fügt den Bleistift seiner Kindheit in ein neu-barockes Tableau der verlorenen Zeit.

Heilige Zuckungen
Nicht als Erinnerungsbild, sondern als ein Übertragungsme-
dium des göttlichen Funken feiert Julian Schutting seinen Stift der Stifte: In dem Prosaband "Am Schreibplatz" evoziert er die "heiligen Zuckungen des Bleistifts in der Hand". Mitunter spricht er auch vom "Graphitstift" - wie der Bleistift korrekt heißen müsste.

Hierzu ein kurzer historischer Exkurs: Blei war nie in dem Stift, sondern stets Graphit - das man allerdings lange für ein Bleierz hielt. Riesige Graphit-Vorkommen machten England im 16. Jahrhundert zum Pionier der Minenstifte. Nach Ausbeutung der britischen Lagerstätten (das ungiftige Mineral wurde nun als Graphit bezeichnet, von griech. graphein für schreiben) verschob sich das Zentrum der europäischen Bleistifterzeugung nach Nürnberg. Im 18./19. Jahrhundert wurden hier die Firmen Lyra, Staedtler oder Schwan-Stabilo gegründet.

Schon viel früher, 1761, hatte Caspar Faber vor den Toren Nürnbergs den Grundstein für die Bleistiftdynastie Faber-Castell, den heutigen Weltmarktführer, gelegt. Zur Fan-Gemeinde dieser Marke zählte etwa Wilhelm Busch, der da reimte: "Die Stirn umsäuseln laue Lüfte; es zuckt der Geist im Faber-Stifte." Und Günter Grass, der diese Stifte als Autor wie als Graphiker schätzt, hat den 1905 kreierten grünen Klassiker "Castell 9000" gar in einem Aquarell gewürdigt.

Faber-Castell kompensierte den Mangel an hochwertigem Rohstoff aus England durch den Erwerb einer eigenen Graphit-Mine in Sibirien. Der Franzose Nicolas-Jacques Conté und der Wiener Josef Harthmuth trieben unterdessen eine neue Technik voran: Durch das Mischen von Ton und Graphitstaub konnten sie Minen von unterschiedlichen Härtegraden herstellen. Harthmuth’s 1790 gegründete Firma ist übrigens nach dem weltberühmten Diamanten Koh-i-Noor benannt. Mit einem klingenden Namen wartet auch ein Schweizer Bleistifterzeuger auf: Caran d’ache übernahm den Künstlernamen des aus Russland stammenden Zeichners Emmanuel Poiré (der wiederum das russische Wort für Stift, "karandash", als Pseudonym gewählt und französisiert hatte).

Bleistifte ermöglichen nuancenreiche Schriftbilder und Zeichnungen. Dass diese wieder ausradiert, also korrigiert bzw. storniert werden können, zählt zu den profanen Vorteilen dieses Schreibutensils. Wie hatte Golda Meir einst so weise gemeint: Zeitgeschichte sollte man nur mit dem Bleistift schreiben. Andererseits wird der Bleistift auch zum Handlanger des Korrektors - oder Zensors. Dazu Nestroy: "Ein Zensor ist ein menschgewordener Bleistift oder ein bleistiftgewordener Mensch, ein fleischgewordener Strich über die Erzeugnisse des Geistes, ein Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lagert und den darin schwimmenden Literaten die Köpf’ abbeißt." ("Freiheit in Krähwinkel").

Ein römischer Dichter der Gegenwart hingegen, Valerio Magrelli, erträumt sich nachgerade seine Metamorphose in einen Bleistift: "Der heimliche Ehrgeiz, ein Bleistift zu sein. / Langsam aufgezehrt auf dem Papier / auf das Papier gebannt, / zu anderer, neuer Form erstanden. / Somit vom Fleisch zum Zeichen werden (. . .)" - Es ist der Künstlertraum vom unvergänglichen, ewiggültigen Werk.

Einen träumerischen Umgang mit dem Bleistift pflegte auch der Schweizer Robert Walser. Vormals Kopist in Schreibstuben, beherrschte er diverse Schreibstile vortrefflich. Als Autor brachte er seine Gedanken mit Bleistift zu Papier, in einer heute fast unlesbaren Miniaturschrift. Hunderte Blätter dieser "Mikrogramme" sind bei Suhrkamp in der mehrbändigen Ausgabe "Aus dem Bleistiftgebiet" erschienen. Darin findet sich auch das folgende Bekenntnis Walsers: "Mir schien unter anderem, ich vermöge mit dem Bleistift träumerischer, ruhiger, behaglicher, besinnlicher zu arbeiten, ich glaubte die beschriebene Arbeitsweise wachse sich für mich in einem eigentümlichen Glück aus." Nicht stilles Glück, sondern eine Leidenschaft, vergleichbar jener des Seemanns zum Meer, verband Hemingway mit dem Schreibgerät: "Ich gehöre diesem Bleistift", schrieb er in "Paris - Ein Fest fürs Leben".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-11-03 16:17:11
Letzte Änderung am 2016-11-03 16:20:22


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