• vom 26.12.2016, 14:00 Uhr

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Lyrik erlesen

In der Waldschlucht der Sprache




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Von Andreas Wirthensohn




    Eigentlich dachte man, die grassierende Mode der ellenlangen Buchtitel sei Romanen vorbehalten - Büchern wie "Vom Inder, der auf dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine große Liebe wiederzufinden" (Per J. Andersson), "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren" (Antonia Baum) oder "Wie wir damals auf dem Bauernhof geheiratet haben, und der Alois am Tag drauf fast den Hund erschossen hat, weil er was gegen die Stadtmenschen hat und das Glück überhaupt" (Kerstin Höckel). Wobei sich hinter letzterem Rattenschwanz nichts weiter als ein ganz banaler Unterhaltungsroman verbirgt, in dem es um einen Bauernhof im Schwarzwald geht.

    Früher hätte jeder Verlag einen weiten Bogen um solche umschlagfüllenden Satzungeheuer gemacht, aber spätestens seit dem Riesenerfolg des Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand, scheint man jede Scheu davor verloren zu haben. Und nun ist offenbar auch noch die Lyrik von dieser Unsitte befallen. "ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt" (Schöffling & Co. 2016) heißt der neueste Gedichtband der 1979 geborenen Ulrike Almut Sandig, und die Autorin könnte man am besten mit dem ebenfalls etwas längeren Titel eines der darin enthaltenen Gedichte charakterisieren: "ich bin ein zweistimmig singender Vogel mit Menschengesicht". Fakt ist: Kaum jemand schreibt zur Zeit musikalischere, vielstimmigere Gedichte, die man unbedingt laut lesen sollte. "das vollkommene Gedicht wird // nur gesungen und gesprochen, gespielt und gehört und wieder von vorn abgespielt". Sandigs Verse haben das, was Gottfried Benn einst einen Sound nannte. Und nicht nur das: Sie entwerfen eine seltsam romantisch-surreale Welt, die etwas schief in den Angeln hängt und zugleich etwas Schwebendes an sich hat. Mitunter trägt diese Poesie albtraumhafte Züge (etwa wenn sie "der Schussfolge nächtlicher Krachträume" nachhört), aber zumeist treibt sie sprachspielerisch-staunend durch "diese schwankende, bodenlos rauschende Schneekugelwelt".

    Ulrike Almut Sandig bezieht sich in ihrem Lyrikband häufig auf die "Kinder- und Hausmärchen" der Gebrüder Grimm und nutzt sie als eine Art Folie, um daraus poetische Gegenwartsfunken zu schlagen.

    Auch Esther Kinsky nimmt auf einen Romantiker Bezug: auf Wilhelm Müllers "Winterreise"-Zyklus. "Am kalten Hang" (Matthes & Seitz 2016) heißt ihr Gedichtband, und im Untertitel verspricht er eine "viagg’ invernal", eine winterliche Reise. Diese Reise von der Elbe nach Italien bildet im Band eine eigene Tonspur unten auf der Seite, unter den einzelnen Gedichten, und anders als diese läuft sie an einem Stück, ohne Unterbrechung dahin. Kinsky schreibt eine Art Elementargedicht, eine Naturlyrik, die elementar aufgeladen ist:

    "Wohin die vier winde in die ich rief / wohin der staub der straße wohin / gras grün und blattwerk lieblich zuhäupten. / Winter will es werden." Die Landschaft, durch die diese Reise führt, ist nicht nur äußerlich eine der Kälte und der grauen Farben, sondern auch innerlich eine der Trauer und des Schmerzes. Gewidmet ist sie Martin Chalmers, Kinskys Ehemann, der 2015 starb. "Da liegt der blasse / abendstern und will uns / nimmer scheinen", heißt es am Ende des Bandes, der erneut deutlich macht: Esther Kinsky gehört als Prosaistin wie als Lyrikerin zu den feinsinnigsten Sprach- und Wahrnehmungskünstlerinnen im deutschen Sprachraum. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass sie als Übersetzerin aus dem Russischen, Polnischen und Englischen viel in anderen Sprachräumen unterwegs ist.

    Ein Wanderer in der "waldschlucht" der Sprache ist auch das lyrische Ich in Norbert Hummelts Band "Fegefeuer" (Luchterhand 2016). Mit Anklängen an Dantes "Göttliche Komödie" und deren Terzinenform wie auf den Spuren von T.S. Eliot gehört Hummelt zu den Freunden der etwas strengeren Versgebung; er scheut auch vor dem komplexen Reim (etwa dem Kettenreim) nicht zurück: "die insel, deren namen niemand kennt / liegt an der spitze einer schmalen zunge / die nur ein alter rheinarm noch vom hafen trennt."

    Die aufgesuchten Orte sind solche der Erinnerung, der eigenen Lebensvergangenheit. Das Gedicht bei Hummelt ist Vergegenwärtigung innerer Bewusstseinsvorgänge, ohne dass dabei die äußere Welt (vor allem in Form der Natur) aus dem Blick gerät. Für diese Meisterschaft reicht denn auch ein ganz kurzer Titel.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-12-22 17:26:05
    Letzte Änderung am 2016-12-22 17:50:30


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