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Neues und Altes - von alten Bekannten




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Von Walter Klier




    Wolf von Niebelschütz (1913-1960) hat in seinem ziemlich kurzen Leben nur zwei Bücher geschrieben, allerdings zwei sehr dicke. Die Rokoko-Groteske "Der blaue Kammerherr" (1949) wurde vor einiger Zeit als Taschenbuch neu aufgelegt und von mir an dieser Stelle so vorteilhaft rezensiert, dass ich es mit einem Satz aus dieser Besprechung auf die vierte Umschlagseite des nun ebenfalls wiederaufgelegten zweiten Romans geschafft habe. Da kommt Freude auf beim kleinen Rezensenten! Zugleich ist es ihm auch ein wenig peinlich. War er wohl ein bisschen sehr plakativ? In seinem zweiten, nicht weniger dicken Roman erschafft dieser eigenartige, eigenwillige Autor sich ein phantasiert-albtraumhaftes Mittelalter (Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis., Kein & Aber, Berlin 2016, 700 S.). Während der "Blaue Kammerherr" ein humoristisches Großereignis darstellt, sind wir hier vom ersten Satz an einer Welt des rettungslos Schauerlichen ausgeliefert, voller Grausamkeit, undurchdringlicher feudaler Verstrickungen, Faustrecht, religiösem Wahn und einer kaum gebändigten, kaum zu bändigenden Natur zwischen Dürre und Fluten. Wobei der religiöse Wahn bloß eine Chiffre ist, ein Gemeinplatz, um das Unberechenbare, das Angsteinflößende am Menschen zu benennen, zu beschreiben. Zu Lebzeiten des Autors war der Wahn beileibe nicht religiöser Natur.

    Ein Jugendwerk, ein sehr heiteres: Gustave Flaubert und sein Freund Maxime du Camp bereisen die Bretagne und schreiben gemeinsam ein Buch darüber. Flaubert schreibt die ungeraden Kapitel, du Camp die geraden. Irgendwann später hat Flaubert einmal die Absicht geäußert oder seine Sehnsucht bekundet, ein "Buch über nichts" zu schreiben, ein Buch, das, ohne erkennbare Handlung, nur "durch die Kraft des Stils" zusammengehalten wird. Dabei war ihm das, sozusagen vierhändig, schon mit diesem Reisebericht gelungen (Gustave Flaubert/Maxime du Camp: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne. Übers. von Cornelia Hasting. Dörlemann, Zürich 2016, 447 S.), und zwar, wie es den Anschein hat, mühelos. In dem Buch passiert nichts weiter als eben eine Reise: sie wandern, fahren per Kutsche oder Schiff, übernachten, essen, geraten in ein Unwetter, besichtigen alles, was es zu besichtigen gibt. Sein letztes Buch in aller Kürze vorwegnehmend, referiert Flaubert die damaligen Fachmeinungen zu einem bekannten archäologischen Rätsel: "Fragt man nach Darstellung der Meinungen sämtlicher oben zitierter Gelehrter nun mich, was meine Vermutung über die Steine von Carnac ist - denn jeder hat seine eigene -, würde ich eine unwiderlegbare, unabweisliche, unwiderstehliche Meinung kundtun, welche die Zelte von Monsieur de la Sauvagerie zum Rückzug brächte und den Ägypter Penhoët erbleichen ließe, eine Meinung, die Cambrys Tierkreis zerschlagen und die Pythonschlange zerstückeln würde, und diese Meinung ist folgende: die Steine von Carnac sind große Steine."

    Ein neuer Roman, der von alten Bekannten handelt: Eine Frau reist im Zug von Berlin nach Prag, um von dort die sterblichen Reste ihrer Schwester abzuholen. Der Zug bleibt im Schnee stecken, und die Heldin taucht in einen Traum ab, der Zug vermischt sich mit einem anderen, worin am 18. Juli 1917 Franz Kafka und Otto Gross ebenfalls auf derselben Strecke reisten (Gabriele Weingartner: Geisterroman. Limbus, Innsbruck 2016, 254 S.). Die Autorin inszeniert diese Zeitreise in der stillvergnügten Art eines alten Stummfilms, wo der Heldin (in Nahaufnahme) die Augen zufallen, das Bild verschwimmt, und als es wieder scharf wird, sind wir in einem anderen Jahrhundert gelandet und Franz Kafka in einer Schneeballschlacht. Wir kommen auch wieder zurück ins Heute, so beiläufig, wie das einst Julio Cortázar gemacht hat in seiner Kurzgeschichte über den großen Stau auf der Autobahn vor Paris.







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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2017-01-05 16:44:06
    Letzte Änderung am 2017-01-05 17:14:53


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