• vom 17.09.2017, 10:00 Uhr

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Wer als ein Indianer gelten darf




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Von Walter Klier


    Tuvia Tenenboms neues Buch trägt einiges zur Kenntnis heutiger Indianerstämme in den USA bei.

    Tuvia Tenenboms neues Buch trägt einiges zur Kenntnis heutiger Indianerstämme in den USA bei. Tuvia Tenenboms neues Buch trägt einiges zur Kenntnis heutiger Indianerstämme in den USA bei.

    Was wissen wir über die Indianer Nordamerikas? Ich würde sagen, ungefähr das, woran wir uns aus Karl May erinnern, der ja anerkannterweise ziemlich gut recherchiert hat. Ich habe darüberhinaus den Vorteil, in jüngerer Vergangenheit nicht nur den Band "Winnetou"(1) in voller Länge, sondern darüberhinaus auch den modernen DDR-Klassiker "Die Söhne der großen Bärin" in unserer Kinderstube vorgelesen zu haben. Die Autorin Liselotte Welskopf-Henrich hat ab 1951 sechs dicke Bände über das Schicksal eines Dakota-Stammes in den Jahrzehnten der schlimmsten Unterdrückung und Vertreibung durch die Weißen geschrieben (Neuauflage im Palisander Verlag, Chemnitz, 2015, vorher im Eulenspiegel Verlag, Berlin).

    Sie wurden nicht nur von den heranwachsenden ostdeutschen Jungmenschen, sondern auch von den Dakota so beeindruckend gefunden, dass die Autorin später im Rahmen einer Amerika-Reise von ihnen den Ehrentitel "Lakota-Tashina" (= Schutzdecke der Lakota) erhielt.

    Sollten Sie das Glück haben, mit Kindern im richtigen Alter gesegnet zu sein - laut Verlag ab 10 -, und nicht zufällig einem radikalen Gutmenschentum zu frönen (von wegen Gewaltdarstellungen, Verherrlichung kriegerischer Tugenden und so), dann kann ich die "Söhne der großen Bärin" nur aufs Wärmste empfehlen.

    Über den heuer vor 200 Jahren geborenen und deshalb schon allenthalben ausführlich gewürdigten Henry David Thoreau nur kurz das Folgende: 1846 unternahm er eine Reise in den äußersten Norden des nordöstlichsten amerikanischen Bundesstaates Maine, mit dem Ziel, dessen höchstem Punkt einen Besuch abzustatten: der Erhebung mit dem Namen Ktaadn oder Katahdin (indianisch "Höchstes Land"). Dankenswerterweise kann man das gleichnamige Buch jetzt auf Deutsch lesen (Henry David Thoreau, Ktaadn, übers. und hrsg. von Alexander Pechmann. Verlag Jung und Jung, Salzburg/Wien, 2017, 155 S.). Darin findet man unter vielem anderem Wissenswertem auch eine Indianergeschichte.

    Information

    Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.


    "Die Indianer sagen, dass der Fluss früher in beide Richtungen floss, die eine Hälfte hinauf, die andere hinunter, doch seit der weiße Mann gekommen sei, laufe alles nur noch hinunter und sie müssten ihre Kanus nun mühsam gegen den Strom staken und über zahlreiche Portagen tragen." Damit ist wohl alles gesagt über den verderblichen Einfluss, den die weiße Rasse auf die Welt ausübt.

    Der furchtlose Entdeckungsreisende Tuvia Tenenbom hat nach Israel und Deutschland nun im dritten Streich das Land erforscht, in dem er schon seit längerem hauptsächlich lebt: die Vereinigten Staaten (Allein unter Amerikanern. Eine Entdeckungsreise. Fotos, Organisation, Beratung Isi Tenenbom, übers. von Michael Adrian. Suhrkamp, Berlin 2016. 463 S.) Das Buch ist mindestens so lustig und zugleich beunruhigend wie seine zwei Vorgänger, und es steuert Wesentliches zur Kenntnis der heutigen Indianerstämme in den USA bei, die zum Teil davon leben, dass sie Spielkasinos betreiben, was im umliegenden Staat verboten ist. Das ist lukrativ, und so erhebt sich ganz en passant die Frage, wer dabei mitverdienen darf - das heißt, wer als Indianer gelten kann. Dazu befragt, sagt ein Stammesvorsitzender aus Michigan mit dem schönen Namen Aaron Payment: ",Manche Staaten haben ein Blutquantum, und nur diejenigen, die ein Viertel indianisches Blut haben, gelten als Indianer. Das wurde bis hinauf zum Obersten Gerichtshof angefochten, da es rassistisch ist. Der Gerichtshof schloss sich dieser Auffassung an und entschied, dass die Stämme selbst das Recht haben zu bestimmen, wer Indianer ist.‘ (. . .) Und wie bestimmen Sie, wer Indianer ist? ‚Wenn Sie beweisen können, dass Sie ein Zweiunddreißigstel indianisches Blut in sich haben, werden wir Sie als Indianer anerkennen.‘ (. . .) Aaron lässt mich übrigens wissen, dass er zu einem Viertel Österreicher ist. Ich frage mich, was ich wohl bin."





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2017-09-15 15:54:05
    Letzte Änderung am 2017-09-15 16:20:22


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