• vom 10.12.2017, 10:30 Uhr

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Die Komplementärfarben der Poesie




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Von Andreas Wirthensohn


    Fußball und Lyrik haben nicht nur insofern miteinander zu tun, als beide Dinge, Fußball schauen und Gedichte lesen, bekanntlich die schönste Nebensache der Welt sind. Es gibt überdies ganz großartige Fußballgedichte (etwa von Ludwig Harig).

    Und auch die wahren Dramen spielen sich in der Lyrik wie beim Fußball nicht ganz oben ab, sondern in den unteren Ligen. Im Falle der Poesie heißt das: in den unzähligen kleinen Lyrikverlagen, die so etwas wie die Basis des Dichtens bilden. Nur wenige Poeten schaffen es in die Klubs der exquisiten ersten Liga, also in die wenigen größeren Verlage wie Suhrkamp oder Hanser, die sich überhaupt noch für das Gedicht interessieren. Die kleine Form, so scheint es, ist auch eine der Kleinverlage.

    Zu den Dramen, die so manchen Lyriker dort ereilen, gehört etwa der plötzliche Tod des Verlegers, der gleichzeitig das Ende des Verlags bedeutet. Dieses Schicksal widerfuhr der Wienerin Christl Greller. 2016 erlitt Dietmar Ehrenreich, Begründer des Resistenz-Verlags, einen Herzinfarkt, und seither ist ihr Lyrikband "stadtseelenland" nur noch über die Autorin selbst zu beziehen (www.greller.at). Darin finden sich ausgesprochen hübsche Gedichte über Wien, vor allem aber über das Land, etwa über verschlafene Nester wie Nestelberg: "wie / einen haiku schreiben über / ein dorf, das ein haiku / ist?" Nun, man schreibt eben keinen Haiku, sondern ein wunderbar schlichtes und deshalb umso eindringlicheres Gedicht über diese "fünf höfe, hopfenumrankt. / die steilen wiesen voll heu. / nie gehörte stille. nur der brunnen / fließt über, klingt". Greller ist eine feine Beobachterin der Außenwelt. "im zeitlupenblau", "andachtsgrün", "im rotgold der lider" - die Farben der Welt werden zu "komplementärfarben" der Poesie.

    Plötzlich ohne Verleger stand 2015 auch der Passauer Dichter Friedrich Hirschl da; sein fast fertiges Manuskript von "Stilles Theater" - immerhin bereits sein siebter Lyrikband - konnte nicht mehr wie gewohnt im Verlag Karl Stutz erscheinen, sondern musste sich eine neue Heimat suchen. Nun hat sich die rührige edition lichtung (für Bayer- und Böhmerwald ein wahrer Segen) seiner Gedichte angenommen - die wie stets viel weißen Raum um sich herum versammeln und oft nur wie Tupfer inmitten der Stille wirken.

    "Die Stadt an den Flüssen / dieser Tage ein Nebelnest" - als "Flusspoet" wird Hirschl gern tituliert, und in der Tat hat es ihm insbesondere der Inn, der Grenzfluss zu Österreich, angetan. Dessen zwei Gesichter zeigten sich beim "Jahrhunderthochwasser" 2013: "Völlig außer sich vom vielen Regen / hat er tagelang Häuser besetzt / und sie unbewohnbar zurückgelassen // Jetzt begleitet er uns unschuldig / die Promenade entlang / schmeichelt uns mit Wohllauten".

    Bei Greller wie bei Hirschl fällt auf: Ihre Gedichte sind dort am besten, wo sie sich der Grundtugend des Dichters befleißigen, nämlich des Staunens. Wo die Welt hingegen erklärt oder übermäßig psychologisiert wird, verlieren die Verse ihren Hallraum, ihre Offenheit, sie werden apodiktisch, erschöpfen sich in Wortspielereien und allzu selbstgewisser Weltdeutung. Oder anders gesagt: Sie verlangen dem Leser nicht ab, die Dinge selbst neu wahrzunehmen, sondern zielen lediglich auf einen zustimmenden Aha-Effekt.



    Diese Ambivalenz findet sich auch bei Svenja Herrmann, deren Band "Die Ankunft der Bäume" in der verdienstvollen, von Markus Bundi herausgegebenen "Reihe" des Zürcher Wolfbach-Verlags erschienen ist. "Du schließt die Tür / schaust in die Welt / durch den Spion / dein Dichterblick der Maßstab jetzt". Auch diese Naturlyrik ist an der Schnittstelle zwischen Stadt und Land, zwischen Natur und Zivilisation angesiedelt und verhilft uns in ihren besten Momenten zu einem staunenden Innehalten. Es sind "Überschreibungen", wie Regina Hilber ihren jüngsten Band nennt (edition ch, Wien). Zwischen "Wien" und "Wald" liegen bei ihr oft nur ein paar Worte, und im Zusammenspiel mit den Fotos entstehen wunderbare "Phantasiegebilde" in Versen, die üppige Assoziationsräume eröffnen.

    Die schönste Definition des Lyrischen stammt - zumindest in diesem Herbst - vom Wiener Alexander Peer: "Der Klang der stummen Verhältnisse" nennt er seinen Band (erschienen bei Limbus in Innsbruck). Über das Schreiben als Erkennen heißt es dort: "Was zählt, ist der Moment, / in welchem manchmal / ein ganz einfacher Satz / vom Stummsein trennt." So einfach ist das, und doch so schwer. Wie beim Fußball, wo eigentlich auch nur das Runde ins Eckige muss.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2017-12-07 16:50:05
    Letzte Änderung am 2017-12-07 17:18:36


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