• vom 17.02.2018, 17:00 Uhr

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Das Drama der modernen Wissenschaft




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Von Walter Klier




    Als ich 19 war und Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" las, wollte ich auch einmal ungefähr 10 Minuten lang Mathematiker werden. Allerdings war ich nicht gescheit genug dafür - und bin es naturgemäß jetzt noch weniger. Aber wenigstens aufs Ungefähr und Geratewohl einmal kurz in ein solches halb menschliches, halb göttliches Wunderwerk wie die Mathematik hineinzuschmecken, das hat schon was. Und dazu die Typen, die diese Wissenschaft bevölkerten, Anfang des 20. Jahrhunderts, als selbige in ihre moderne Phase eintrat und endgültig kein Mensch mehr kapierte, wovon da die Rede war. Über eine der damaligen Zentralfiguren gibt es jetzt ein sehr lesenswertes Buch (Georg von Wallwitz: Meine Herren, das ist keine Badeanstalt. Wie ein Mathematiker das 20. Jahrhundert veränderte. Berenberg Verlag, Berlin 2017) David Hilbert (1862-1943) stand, geistig gesprochen, gleich neben Albert Einstein in jener Zeit, als dieser sich mit der Formulierung der Allgemeinen Relativitätstheorie abplagte - und zwar so nah, dass es sogar eine Art Prioritätenstreit über deren Autorenschaft gab.

    Er "hatte eine langsame Auffassungsgabe, und seine Genialität war nicht zuletzt seinem dringenden Bedürfnis nach Einfachheit inmitten schwindelerregend komplexer Zusammenhänge geschuldet." So charakterisiert Georg von Wallwitz seinen Helden, und für den Leser (mich) markiert dieser Satz die staunenswerte Distanz zwischen der Ebene, auf der Mathematik und Physik sich heute bewegen, und jener des normal Unverständigen, die aber beide mit demselben Problem kämpfen: mit der Unanschaulichkeit dieses neuen Weltbilds, in dem die Materie, wie sie sich dem Beobachter darbietet, sich unversehens verflüchtigt in ein komplexes System aus Energieverhältnissen.


    Zeitgleich sind einige andere Bücher erschienen, die, naturgemäß aus unterschiedlichen Blickwinkeln, etwa dieselbe Epoche und dieselbe Problematik beleuchten (Stefan Klein: Das All und das Nichts. Von der Schönheit des Universums. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2017. Frido Mann/Christine Mann: Es werde Licht. Die Einheit von Geist und Materie in der Quantenphysik. S. Fischer Verlag 2017.
    Richard von Schirach: Der Mann, der die Erde wog.
    Geschichten von Menschen, deren Entdeckungen die Welt veränderten. C. Bertelsmann, München 2017
    ). Was insbesondere das Ehepaar Mann (von erlauchter Herkunft: Thomas Manns Enkel und Werner Heisenbergs Tochter) schön herausarbeitet, ist das unweigerliche Verblassen liebgewonnener Begriffspaare und Gegensätze. Ins Plumpe vereinfacht könnte man sagen, dass die saubere Trennung von Geist und Materie, mit anschließender Bagatellisierung des Geistes als Sekundärphänomen, wie es unseren zahlreichen, dem Materialismus huldigenden Zeitgenossen so lieb ist, sich als ganz untauglich zur Welterfassung erweist.



    Und was einem in geistesgeschichtlicher Hinsicht auf dramatische Weise klargemacht wird, ist die überragende Rolle, die Deutschland und insbesondere das kleine Göttingen zu Beginn des Jahrhunderts gespielt hat. Wer wirklich wissen wollte, was Sache war, kam dorthin zum Studieren, aus der ganzen Welt. Dieser Höhenflug endete Anfang 1933, gewissermaßen von hundert auf null in zehn Sekunden.

    Ein Parallelstück zum vorher Gesagten bietet sich in der Literaturwissenschaft (Erich Auerbach: Die Narbe des Odysseus. Horizonte der Weltliteratur. Berenberg Verlag, Berlin 2017). Erich Auerbach (1892-1957) hatte das Glück, 1936 einem Ruf an die Istanbuler Universität folgen zu können, nachdem die Lage für die Juden in Deutschland schon unerträglich zu werden begann. Die schrecklichen Jahre konnte er so ungefährdet überstehen, und in der Abgeschiedenheit entstand sein Hauptwerk "Mimesis", das vom Erzählen an und für sich handelt, und dies auf eine ganz unvergleichliche Weise. Hier spricht jemand zu uns, der nicht nur alles gelesen hat zwischen Homer und Proust, sondern der daraus Übersicht, Weisheit und Klarheit des Beschreibens und Urteilens zieht und auch noch anschaulich schreiben kann. Das vorliegende gelungene Lesebuch bietet einen vorzüglichen Überblick über Werk und Leben Auerbachs.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-02-15 17:50:32
    Letzte Änderung am 2018-02-16 14:06:04


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