• vom 13.05.2018, 16:00 Uhr

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Lyrik erlesen

Durchgerüttelt aus dem Lesesattel




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Von Andreas Wirthensohn

  • Lyrik erlesen: Neue Gedichte von Thomas Kunst, Matthew Sweeney und Jochen Jung.

Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre wurde im deutschsprachigen Literaturbetrieb heftig darüber debattiert, was denn alles Platz in einem Gedicht habe. Es war die Zeit der experimentellen Poesie, der Agitprop-Lyrik und der einsetzenden Woge der Alltagslyrik, und diese neuen lyrischen Töne bedurften der poetologischen Untermauerung. Gedichte sollten sein "wie Songs", wie "vollgestopfte Schubladen", sie sollten ganz nah ran an die Wirklichkeit und nicht mehr mit hohem Ton und hermetischer Bildlichkeit raunend Dunkles beschwören. "Wer Metaphern anfasst, verbrennt sich die Finger", so die Warnung. Dass die daraus resultierende Neue Subjektivität vor lauter Alltag und Ich-Sagen häufig das Poetische aus dem Blick verlor, bewies nur, wie schnell aus Offenheit ein neues dichterisches Korsett werden konnte.



Heute steht außer Frage, dass alles Platz haben kann in einem Gedicht. Welch wilde Versgemenge daraus entstehen, deutet der Titel des Bandes von Thomas Kunst an: "Kolonien und Manschettenknöpfe" (Suhrkamp 2017). Geografisch umspannen diese Gedichte mehr als die halbe Welt. Von Afrika ist es einen halben Vers weit bis nach Sachsen, und hinter der Shell-Tankstelle in Delitzsch-West liegt die argentinische Küste.

Es gibt "Schwalben über dem Eriesee" und "anhaltinische Delphine", zu den literarischen Bezugsgrößen gehören u.a. Rilke Donald Barthelme oder Kunsts Duz-Freund Feridun Zaimoglu. Es gibt sehr lange Gedichte, Prosagedichte und vorzügliche Sonette. Etwa die Rilke-Parodie "Wer jetzt nicht stirbt, behindert Bestenlisten": "Gewöhnung an das meiste wird sich rächen. / Das Alter ist von jetzt an Heimat nur. / Die Lebenskreise sind erschöpft und hohl. // Es muß das Herz bei jeder Bindung brechen. / Nur wer bereit zu Abmarsch ist und Tour, / Dem sagt der Weltgeist leck mich doch, leb wohl."

Thomas Kunst gilt als geheimes verkanntes Genie. Er lebt in Leipzig und verdient sein Geld als Saalaufseher in der Deutschen Nationalbibliothek. Nun erschien er erstmals, musikalisch gesprochen, bei einem Major Label. Nach dem wilden Ritt durch diesen lyrischen Kosmos steigt man reichlich durchgerüttelt aus dem Lesesattel.



Auch der Ire Matthew Sweeney füllt seine Poeme mit allerlei Getier, geografischen Ausflügen und Fantastereien. Von der blauen Hängematte erzählt er in "Hund und Mond" (Hanser Berlin, 2017) oder von Würstchen, "zusammengerollt wie dicke, schlummernde Würmer", die darauf warten, gebraten zu werden. "Als ich die Strickleiter hinaufstieg im Dunkeln, / wußte ich nicht, wohin die Reise ging, / nur eben dies: hinauf." Diese luftigen dichterischen Höhen (die auch alltägliche Niederungen sein können) erklimmt Sweeney mit bewundernswerter Leichtigkeit und Kunstfertigkeit (aus der Jan Wagner im Deutschen mitunter mehr macht, als das englische Original will). Vom Physischen zum Metaphysischen ist es bei ihm nur ein Katzensprung, und er selbst hat sein Schreiben zutreffend als "alternativen Realismus" beschrieben. Dichten ist für Sweeney der "verstörende Schritt vom Rand" einer Klippe "in die Leere" - und wir, wir schweben auf diesen Versen statt zu fallen.



Als "federleicht" werden uns auch die Gedichte von Jochen Jung annonciert. "Das alte Spiel" (Haymon, 2017) heißt der erste (!) Lyrikband, den der Salzburger Verleger und Schriftsteller mit 75 Jahren vorlegt. Diese Verse, die sich erstaunlich gerne reimen, sind bewusst als Gelegenheitsgedichte angelegt. Vom Älterwerden ist naturgemäß viel die Rede, mit reichlich Selbstironie unterlegt (zum Glück) und mitunter forciert witzig (leider). Am besten ist der Lyriker Jung dort, wo er seine melancholische Seite zeigt, wo die Lakonie eine lebensweise, leicht umwölkte Heiterkeit verströmt. Etwa in "Am Weg": "Was für ein Glück wir all die Jahre hatten! / Denn erst wenn sich die vielen Schatten / von all den kleinen Kieselsteinen / auf unserm langen Weg vereinen, / ist Abend. Dann erst kommt die Nacht. / So viel, mehr nicht, ist ausgemacht." Was’n Gedicht!





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-11 11:27:42
Letzte Änderung am 2018-05-11 12:01:50


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