• vom 03.06.2018, 14:00 Uhr

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Erlittener Existenzialismus, bekiffte Reisen




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Von Walter Klier




    Gegen Ende des russischen Bürgerkrieges findet ein junger Mann sich auf der Verliererseite wieder. Es bleibt ihm nur noch die Flucht ins Ausland, und wo sonst soll er hin als in die Sehnsuchtsstadt aller russischen Intellektuellen, nach Paris?

    Er schlägt sich dorthin durch, und dort schlägt er sich auch durch: als Fabriksarbeiter zunächst, bis er den Traumberuf findet, der tatsächlich ein Alptraumberuf ist. Er fährt Taxi, und zwar die Nächte durch. Diese schier unaushaltbare Existenz ist offenbar die für ihn am besten aushaltbare. Und da er in Wirklichkeit Schriftsteller ist, schreibt er auch darüber. Sein erstmals 1952 erschienenes Buch können wir jetzt auf Deutsch lesen (Gaito Gasdanow: Nächtliche Wege. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Hanser, München 2018).

    Es ist ein moderner Roman, ohne Handlung im engeren Sinn, seine Struktur ist jene der Nacht: Fahrgäste tauchen aus dem Dunkel auf und verschwinden wieder dorthin; mit der Zeit kristallisieren sich Fixpunkte in Gestalt verschiedener Nachtcafés heraus, wo der Taxifahrer Pausen macht und Bekanntschaften schließt. Dazu kommen Exilrussen, die sich (wie er selbst) schlecht und recht durchbringen, andere Taxifahrer, verlorene Säufer sowie Prostituierte und ihre Kunden, mit einem Wort: ein durchaus unerfreuliches Milieu. Der Existenzialismus ist hier kein ausgedachter, sondern erlebt und erlitten.

    Szenenwechsel: Aus der turbulenten Großstadt in den dünn besiedelten äußersten Nordwesten Europas, auf die Äußeren Hebriden, die Insel Lewis, ins Dorf Ness. Dort kennt jeder jeden und ist auch noch mit den meisten davon verwandt. Dort gibt es hauptsächlich Landschaft, umwerfend schön zwar, aber wer kann hier schon
    leben, wenn er nicht den ärmlichen Bauernhof vom Vater erbt, und selbst dann?

    Von hier wandert man aus, nach Kanada oder Neuseeland, oder man fährt zur See, und das seit Jahrhunderten. Es ist eine dieser beklemmenden Gegenden, wo alle nur ans Abhauen denken und sich vorderhand besaufen, damit sie nicht dauernd dran denken müssen. Dazu bekommen wir einen zweifellos bis ins kleinste Detail autobiografischen Roman zu lesen (Alasdair Campbell: Der Junge aus Ness. Aus dem Englischen von Lorenz Oehler. Folio Verlag, Wien-Bozen 2018).

    Wir lesen von der ärmlichen Kindheit um 1950, unter lauter Leuten, die auch nichts haben, mit einem Vater, der an der Tuberkulose dahinsiecht und bald nicht mehr da ist. Der "Junge" ist begabt und wird ins Internat nach Stornoway geschickt (dem Insel-Hauptort). Er soll und muss also weg und wird wohl nie wiederkommen, es sei denn, er würde Pfarrer oder Lehrer. Das wird er aber nicht, sondern er säuft und säuft immer mehr und geht schließlich nicht nur den Geisteswissenschaften, sondern auch den Daheimgebliebenen und uns, den Lesern, verloren.

    Am Ende schreibt ihm eine seiner Tanten einen lieben, herzzerreißenden Brief, sie habe erfahren, man habe ihn in Southampton gesehen, alles sei vergeben und vergessen, er möge doch, um Himmels Willen, wieder nach Hause kommen. Sie hat keine Adresse von ihm, so schreibt sie aufs Kuvert: Colin Murray, Southampton, England. Kein direkt lustiges Buch also. Der 1941 geborene Alasdair Campbell ist offenbar (und zum Glück) aus seinem Colin-Murray-Lebenslauf gerade noch rechtzeitig abgebogen und ein respektabler schottisch-gälischer Autor geworden, und zum Glück für uns hat er dieses Buch ausnahmsweise nicht in seiner Muttersprache, sondern auf Englisch geschrieben. Und dann fanden sich auch noch ein Verlag und ein Übersetzer, und hoffentlich finden sich nun Leser.

    Kurz noch zu einer georgischen Räubergeschichte, in der die Wirrsale der Jugend sich mit den immerwährenden Wirrsalen der kaukasischen Politik treffen (Aka Morchiladze: Reise nach Karabach. Aus dem Georgischen von Iunona Guruli. Weidle Verlag, Bonn 2018). Die Reise des Titels wird von Freunden aus der Tifliser Jeunesse dorée unternommen, 1992 quer durch die Fronten des allgemeinen nachsowjetischen Bürgerkriegs, zum Zwecke des Haschischeinkaufs. Dabei geht es ziemlich wild zu, bekifft sind die Protagonisten auch die ganze Zeit, und wer kennt sich schon auf den feldweg-
    artigen Straßen nach Berg-Karabach aus?

    Alles sehr unübersichtlich. Und kein Wunder also, dass die Freunde auch noch in der erpresserischen Obhut einer armenischen Truppe landen . . .





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-05-30 17:04:07
    Letzte Änderung am 2018-05-30 17:07:19


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