• vom 08.07.2018, 14:00 Uhr

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Literatur

Meister der schwermütigen Abteilung




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Von Andreas Wirthensohn




    Seit vierzig Jahren gibt es die "Frankfurter Anthologie": Jeden Samstag bringt die "FAZ" ein Gedicht samt kurzer Interpretation eines mehr oder weniger dazu berufenen Interpreten. Wobei es sich eher um die kluge Mitteilung subjektiver Leseerfahrungen ohne autoritativen Anspruch handelt. Weshalb diese ehrenwerte Institution vor allem eines ist: eine Schule des Lesens von Gedichten.

    Ruth Klüger hat nun in "Gegenwind" (Zsolnay 2018) ihre Lyriklektüren der letzten zehn Jahre in einem Band versammelt. Für sie ist ein Gedicht "entweder ein Rätsel oder ein Geheimnis", und die, die sie in Augenschein nimmt, seien ihr zugelaufen "wie streunende Katzen". Gedichte zu lesen hat tatsächlich immer etwas Schweifendes, Vagabundierendes, Ungerichtetes. Was Gedichte im Lesenden so alles auslösen an Assoziationen und Emotionen, führt Klüger auf wunderbare Weise vor Augen. Aber ob man sie wirklich enträtseln und ihnen ihr Geheimnis entlocken kann?



    Michael Krüger ist da eher skeptisch: "Gedichte sind mißtrauisch, / sie behalten für sich, was gesagt werden muß. / Sie gehen durch geschlossene Türen / ins Freie und reden mit den Steinen. / Sie führen uns fort." Mit diesem "Nachtrag zur Poetik" beginnt der jüngste Gedichtband des bald 75-Jährigen. "Einmal einfach" (Suhrkamp 2018) heißt er, und er erhärtet den Eindruck, der sich seit "Umstellung der Zeit" (2013) aufdrängt, nämlich dass es mit Lyrikern tatsächlich wie mit gutem Wein ist: Mit zunehmendem Alter werden sie immer besser (was für Romanciers nicht unbedingt gilt, siehe Martin Walser).

    Krügers erster Gedichtband erschien 1976, und nun hat er eine lakonisch-elegische Meisterschaft erreicht, der man als Leser mit gemischten Gefühlen begegnet: Beglückung und zugleich Melancholie, denn diese Gedichte sind Alterswerke, geschrieben unter dem Schatten der Zeit, die noch bleibt. "Es ist vollbracht, / unsere Generation nimmt Abschied. / Welche Verse von uns werden es / in die Große Anthologie schaffen?" Der "späte" Krüger sollte jedenfalls reich darin vertreten sein.



    Und auch W. S. Merwin. Nie gehört? Kein Wunder, denn dieser große amerikanische Lyriker, der für seine Gedichte zweimal den Pulitzer-Preis erhielt, musste 90 Jahre alt werden, um in deutscher Übersetzung zu "debütieren": "Nach den Libellen" (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser 2018) bietet einen knappen Überblick über sein opulentes Schaffen seit 1963. Es ist ein ganz eigener Ton, der uns hier begegnet: Das Gedicht erscheint als "ein Augenaufschlagen, ein Gewahrwerden, das manchmal so allmählich einsetzt wie der Regen in den Bäumen", wie es Hans Jürgen Balmes im Nachwort eindrücklich formuliert. Das Ich dieser Gedichte, das sich gerne an ein (weibliches) Du wendet, schöpft aus der Betrachtung der Natur Erinnerung, Bewusstsein und fragile Identität. Und auch Merwin schreibt - in diesem Fall erstaunlich früh, nämlich 1967 - im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit:

    "Jedes Jahr kreuze ich ohne es zu wissen den Tag / An dem die letzte Flamme mir zuwinkt / Und die Stille sich aufmacht / Die rastlos Reisende". Dass man jedes Jahr den Jahrestag des eigenen Todes erlebt - das ist ein ebenso betörender wie verstörender Gedanke. Nebenbei sei auf eine hübsche Kuriosität verwiesen: Während Merwin eine Ode an das Fahrrad von Zbigniew Herbert, dem großen polnischen Lyriker, im Repertoire hat, erinnert sich Michael Krüger daran, wie er einmal in Warschau auf "Zbigniews Stuhl" saß.



    Und wenn wir schon beim Elegischen sind: In die schwermütige Abteilung der "Großen Anthologie" muss unbedingt auch die 1946 geborene Amerikanerin Mary Jo Bang. Auch sie, die in ihrer Heimat zu den bedeutendsten lyrischen Stimmen zählt, ist bei uns bisher weitgehend unbekannt. Umso großartiger ist es, dass ihr Band "Elegy / Elegie" (Wallstein 2018) jetzt auf Deutsch vorliegt. Etwas verkürzt könnte man sagen: Ihr gelingt in Versen das, was Joan Didions ergreifendes Buch "Blaue Stunden" als memoir geschafft hat - die Trauer um den Verlust des eigenen Kindes - in ergreifende Worte zu fassen.

    "Elegy" ist ein eindringlicher Trauergesang, der die Erfahrung des Todes von Bangs Sohn nicht nur beschreibt, sondern unmittelbar spürbar werden lässt. "Dead / Is dead, not just not / Here", heißt es in dem Gedicht "Tragedy", "Tot / ist tot, nicht bloß nicht / da", denn "an der Schneide" werde ein Messer nie stumpf. Hier ist das Gedicht nicht Rätsel oder Geheimnis, sondern Sinngebung des Sinnlosen, Meta-Physik, die uns fortführt. Wohin auch immer.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-07-06 09:43:46
    Letzte Änderung am 2018-07-06 10:29:10


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