• vom 28.07.2018, 13:00 Uhr

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Update: 28.07.2018, 13:32 Uhr

Literatur

Der weiße Wal des Übersetzers




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Von Andreas Tesarik

  • Im Fall des Klassikers "Moby-Dick" war dringend eine Neuübersetzung angebracht.



Illustration von Raymond Bishop zur Rathjen-Übersetzung.

Illustration von Raymond Bishop zur Rathjen-Übersetzung.© Jung und Jung Illustration von Raymond Bishop zur Rathjen-Übersetzung.© Jung und Jung

Zehn Jahre Arbeit, und dann war alles vergebens. 2007 hatte der Suhrkamp Verlag eine gründliche Überarbeitung der Übersetzung von James Joyces "Ulysses" initiiert, die Hans Wollschläger einst erstellt hatte, 2017 musste das Projekt nach einer Intervention von Wollschlägers Erbin gestoppt werden: Der Verlag hatte vergessen, sich um die urheberrechtlichen Aspekte der Überarbeitung zu kümmern.

Ob stattdessen eine neue Übersetzung geplant wird, ist bisher nicht bekannt. Als deutschsprachiger Leser kann man froh sein, dass es überhaupt eine gibt. Von Joyces anderem Riesenwerk, "Finnegans Wake" (von dem unklar ist, in welcher Sprache es überhaupt geschrieben ist), sind nur Auszüge auf Deutsch zu haben. Das heißt, eine Gesamtübertragung gibt es schon. Sie stammt von Dieter Stündel, trägt den bizarren Titel "Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkess fun Schämes Scheuss".

Übersetzungen sind ein Gang durch ein Minenfeld, rechtlich gesehen, philologisch sowieso, und dann gilt es noch die Erwartungen der Leserschaft zu treffen. Besonders, wenn es sich um Klassiker oder Kultbücher handelt. So stieß eine Neuübersetzung von "Der Herr der Ringe", in der die Sprechweise von J.R.R. Tolkiens Figuren an jene der Gegenwart herangeführt werden sollte, bei vielen deutschen Tolkien-Fans auf heftige Ablehnung. Manche sollen sogar gedroht haben, wieder zum englischen Originaltext zu greifen. Das ist keine üble Idee, im Grunde soll man Literatur ja, wenn möglich, immer in der Originalsprache lesen. Aber wer hat schon ausreichend Russisch, Französisch oder Latein im kleinen Finger oder ist mit dem amerikanischen Seemannsjargon von 1850 vertraut? Wir brauchen also Übersetzungen. Manchmal auch neue.



Im Fall von "Moby-Dick" war sogar dringend eine Neuübersetzung angebracht, denn jene, die hundert Jahre nach dem Tod von Herman Melville (1891) vorlagen, waren teilweise skandalös mangelhaft oder unvollständig (in der ersten von 1927 fehlte gleich der ikonische erste Satz "Call me Ishmael"). Friedhelm Rathjen fertigte für den Hanser Verlag eine deutsche Fassung an, die aber wenig Gefallen fand und von Matthias Jendis so stark überarbeitet wurde, dass Rathjen die Rechte an seiner Übertragung zurückerhielt. (Diese erschien 2004 bei Zweitausendeins und 2016 erneut bei Jung und Jung: "Moby-Dick; oder: Der Wal", mit Illustrationen von Raymond Bishop.)

Über beide Fassungen, von Rathjen und Jendis, lässt sich trefflich streiten (was auch geschah): Im Konzept unterscheiden sie sich, wenn schon nicht wie Hund und Katz, so doch wie ein Buckelwal von einem Orca. Konkret in der prinzipiellen Frage, ob ein Übersetzer die größtmögliche Nähe zur sprachlichen Struktur des Ausgangstextes anstreben soll oder eine Nachschöpfung in der Zielsprache, der man nicht anmerkt, dass sie eine Übersetzung ist. In letzterem Sinn ist Matthias Jendis’"Moby Dick oder Der Wal" (Hanser, 2001) nahezu untadelig: Bestens lesbar, genau im Detail, der mitunter obskure Satzbau von Herman Melville wird zu einem klaren Fluss entzerrt oder ein Synonym gewählt, wo Melville sich mit gleichen Worten wiederholt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-26 17:29:15
Letzte Änderung am 2018-07-28 13:32:20


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