• vom 01.07.2015, 15:44 Uhr

Musik-Blogothek

Update: 09.07.2015, 13:59 Uhr

Radar

Als Anarchisten zu Popstars wurden




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christa Hager

  • Im kommenden Jahr soll eine Dokumentation über die englische Band Chumbawamba in die Kinos kommen. Doch zuerst muss das Geld dafür gesammelt werden.

Cover des Erfolgalbums "Tubthumper", erschienen 1997.

Cover des Erfolgalbums "Tubthumper", erschienen 1997.© Chumabwamba/Emi Cover des Erfolgalbums "Tubthumper", erschienen 1997.© Chumabwamba/Emi

Pop im England der 1990er: Oasis und Blur wetteifern um den Britpop-Olymp, Pulp erobern die Hitparade mit ihrem Song "Common People" über Entrechtete und deren Leben ohne soziales Netz. Aber auch die Arbeiterklasse ist hittauglich. Chumbawambas "Tubthumping" mit dem Refrain "I get Knocked down, but I get up again" handelt von der Ausdauer der Arbeiterklasse. Das Lied umkreist als Nummer eins die Welt. Ein Mitglied der achtköpfigen Combo startet nun ein Crowdfunding für eine Doku, um die Geschichte hinter dem Song zu zeigen – von den Anfängen der Band, über den kometenhaften Aufstieg bis hin zum Erbe von "Tubthumping".



Ihr Weg zum Ruhm verlief nicht gerade typisch: 15 Jahre lang traten Chumbawamba, wohnhaft in einem besetzen Haus in Leeds, meist in besetzten Häusern auf, tourten mit einem Bus durch Europa, schliefen auf Böden und diskutierten stundenlang über Anarchie, Syndikalismus und Klassenkampf. 15 Jahren lang waren sie unabhängig – beinahe: abhängig waren sie nur von ihren Fans. 1997 unterzeichnete die Band einen Vertrag bei EMI, die Single Tubthumping erschien – und vorbei war es mit der Unabhängigkeit. Das Lied wurde ein weltweiter Hit, nicht ganz nach dem Geschmack der Band – gelinde gesagt. Sie versuchten, ihre Bekanntheit als Kamin zu nutzen, durch den sie Geld von den Major Labels absaugten, um es an diejenigen weiterzugeben, die sie (nach wie vor) unterstützten: streikende Hafenarbeiter, anarchistische Radio-Stationen, Gemeinschaftszentren...

Perrier statt Pints

Doch ihren Fans gefiel der Rummel und der Ruhm wenig. Die Band würde sich verkaufen, so die lauteste Kritik. Sie kehrten Chumbawamba den Rücken zu. Und in den Medien wurden sie als Perrier-Trinkende Emporkömmlinge dargestellt, wie zum Beispiel in einem Cartoon im "The Guardian" damals. Die Veröffentlichung des Folgealbums "WYSIWYG" markierte dann wiederum die Rückkehr der Band zu ihren Wurzeln: Sie verschwanden wieder aus dem Mainstream, das Album leerte Ihre Konten und ließ die Band mit nichts zurück.

In der geplanten Band-Dokumentation soll nun diese Achterbahn nachgezeichnet werden – angefangen von ihren DIY-Auftritten in England über den zum Madison Square Garden und zurück. "Es ist wichtig, dass diese Geschichte nicht als eine Fußnote in dem Buch der Ein-Hit-Wunder verloren geht, denn dieses absurde Abenteuer kann uns inspirieren und wertvolle Lektionen liefern über den Zusammenhang von Pop und Politik, Kunst und Aktivismus, Musik und Chaos", sagt Dunstan Bruce, Bandmitglied seit 1982. Er hat die Crowdfunding-Kampagne gestartet, um das nötig Geld für die Dokumentation zu sammeln. 2016 soll der Film erscheinen. Mal sehen.


Video auf YouTube





Schlagwörter

Radar, Britpop, Chumbawamba, Blog, Musikblog

2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-07-01 15:44:42
Letzte Änderung am 2015-07-09 13:59:26


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. In der Kraftkammer
  2. Mit Furor zum Feuerzauber
  3. Martha, Martha, du entschwandest
  4. "Kammermusik ist fast wie Urlaub"
  5. Deerhunter und ihre Science-Fiction im Jetzt
Meistkommentiert
  1. "Kammermusik ist fast wie Urlaub"
  2. Led Zeppelin: Als das Luftschiff fliegen lernte
  3. Martha, Martha, du entschwandest

Werbung



CDs

Jazz-CD

Johannes Berauer: Vienna Chamber Diaries Vol. II

Schon ungewöhnlich für ein Jazz-Album: Johannes Berauer hat diese CD herausgebracht, ist darauf aber nicht selbst zu hören... weiter




Jazz-CD

Emile Parisien Quartet: Double Screening

Was zum Teufel heißt "Double Screening"? Der Jazz-Saxofonist Émile Parisien hat sein neues Album so genannt, und er meint damit wohl eine Unsitte der... weiter




Pop-CD

Ernesty International: but now the demagogues won

Nachdem er zuletzt unter seinem angestammten Namen ein anspielungsreiches, in regionalem Dialekt gesungenes Album aufgenommen hat ("Welt", 2017)... weiter




Jazz-CD

Tony Bennett & Diana Krall: Love Is Here To Stay

Ob Bill Charlap wohl daran gedacht hat, dass diese CD im Weihnachtsgeschäft mitmischt? Seltsam, aber: In seinem ersten Klaviersolo scheint kurz "Santa... weiter




Jazz-CD

Sphärische Weiten

Würde der Geist eines Jazzmusikers in einen verschrotteten Game Boy fahren, es müsste sich ungefähr so anhören. Da fiepst und piepst es... weiter






Der Deutsche gab am Pult im Goldenen Saal des Musikvereins den Kapellmeister Deluxe.

Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker. Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk.

Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913


Werbung