• vom 03.07.2016, 10:00 Uhr

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Von Paris über Berlin nach Düsseldorf




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Von Gerald Schmickl




    Hierorts kaum zur Kenntnis genommen, ist heuer bereits im Februar eines der international erfolgreichsten Alben des Jahres erschienen: Die zweite Platte des Manchester Quartetts The 1975 mit dem unglaublich langen & sperrigen Titel "I like it when you sleep, for you are so beautiful yet so unaware of it" ist nicht nur in UK, sondern auch in den USA, Kanada, Australien und Neuseeland an die Spitze der Charts geschossen. Das mit 17 Nummern üppig bestückte Album überrascht vor allem mit einer ungewöhnlichen stilistischen Bandbreite: Von funky R&B über clashigen Indie-Pop, krautrock-artige Elek-tronik-Einschübe bis hin zu hymnischen Balladen reicht das Spektrum. Auf die nicht-lineare Mixtur angesprochen, entgegnet Sänger Matty Healy in jugendlicher Abgeklärtheit: "Warum nur eine Art von Musik machen, wenn keiner mehr nur eine Art von Musik anhört? Die Idee einer geregelten Kunst ist vollkommen absurd."



    Recht hat er. Jeder stellt sich heutzutage aus unterschiedlichsten Quellen seine ganz persönlichen Songkollektionen zusammen. Das Album als vorgegebene Größe und ästhetische Richtschnur ist zwar nicht grundsätzlich passé, wird aber immer seltener durchgängig angehört. Der Schwerpunkt liegt auf einzelnen Songs, die aus den gewissermaßen verordneten Sammlungen herausgepickt werden. Und The 1975 streuen das Angebot gleich selbst so breit, dass für möglichst viele Geschmäcker etwas dabei ist. Der Erfolg zeigt, dass die Rechnung mit der Mischkalkulation aufgeht. (Bei Beyoncé übrigens in ähnlicher Weise in noch deutlich größerem Maßstab.) Wenn wir uns nun - im Sinne wahrer short cuts - für doch nur einen Song des 1975er Albums (nein, den Titel wiederholen wir nicht mehr!) entscheiden müssten, nähmen wir "Paris" - eine musikalisch wunderbar einnehmende Pop-Hymne mit sibyllinischen, melancholischen bis todtraurigen Anspielungen auf des Sängers Drogensucht.

    Und so setzen wir unsere kleine Hörreise zu bemerkenswerten, bisher zu wenig wahrgenommenen Alben dieses ersten Halbjahres gleich in der Weise fort, dass wir einzelne Songs daraus - sei’s als repräsentativer Ausschnitt, sei’s als subjektive Vorliebe - vorstellen. Bleiben wir in England - beim stilistisch ebenfalls vielschichtigen Debüt der 19-jährigen, aus York stammenden Holly Lapsely Fletcher, die als Låpsley auf "Long Way Home" eine erstaunlich ausgereifte Talentprobe irgendwo zwischen Adele und James Blake abliefert. Im Song "Falling Short" kommt das trefflich zum Ausdruck.

    Mit James Blake - dem wahrscheinlich wichtigsten Einflussgeber der letzten Jahre (wie auch sein grandioses neues Album "The Colour in Anything" zeigt) - wird auch die aus Minneapolis kommende Formation Poliça gerne in Verbindung gebracht, über die Justin Vernon alias Bon Iver einmal den immens verkaufsfördernden Satz sagte, sie sei "die beste Band, die ich je gehört habe". So hoch greifen wir zwar nicht, aber der sphärische Gesang von Channy Leaneagh über dem von zwei Schlagzeugen befeuerten und vorangetriebenen Elektroniksound ist schon von großer Eindringlichkeit, wie auch das heuer erschienene Zweitwerk ,"United Crushers", beweist, aus dem zwei Songs hervorragen: "Someway" und "Berlin".

    Eine andere deutsche Stadt, nämlich "Düsseldorf", ist Namensgeber eines Songs, den man so schnell nicht mehr aus den Ohren (und aus den Beinen) bekommt - und der von der englischen Gruppe Teleman und ihrem Zweitling, "Brilliant Sa-
    nity"
    , stammt. Darin wird - in bester britischer Art-Pop-Tradition mit hinreißend hüpfender hookline - von einem missglückten Gspusi in der Rhein-Metropole erzählt (mit einem von deutscher Frauenstimme vorgetragenen Rezitativ als Intermezzo: "Willst du nicht wissen, warum ich dich dort zurückgelassen habe . . .?").

    Von Düsseldorf ist es nicht weit nach Holland, woher die Blues-Rock-Formation Sven Hammond kommt. Prunkstück ihres neuen, insgesamt vierten Albums, schlicht "IV" betitelt, ist das vibrierende, treibende "Empire", das mit Klavier-Ostinato, marschierenden Gitarrenriffs und jubilierend-röhrendem Gesang eine tolle Energie entfacht. Ein Kraftwerk von einem Song.

    Nicht ganz so zündend, dafür von betörend harmonischer Ausgewogenheit ist "This Moment", das neue Album, das Sören Juul nun wieder unter eigenem Namen veröffentlichte (zuletzt hatte er unter Indians firmiert). Die Songs "Dear Child" und "Seventeen" zeigen das melodiöse und kompositorische Geschick des Dänen auf exemplarische Weise. Wer braucht, wenn’s solche Männer gibt, noch Coldplay?

    Im Sog und Fahrwasser des Mumford-and-Sons-Hypererfolgs kam das bereits seit 2002 bestehende und aus Denver stammende Duo/mittlerweile Trio The Lumineers spät, dafür mit Nachdruck über die Welt. Im April ist ihr zweites Album erschienen - und gleich der Titelsong, "Cleopatra", demonstriert die offensiv stampfend-strampelnde Art des rustikalen, aber doch sehr weltzugewandten Vortrags, wobei der Gesang von Wesley Schultz entfernt an den fast schon wieder vergessenen britischen Singer/Songwriter David Gray erinnert.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-06-30 18:08:05
    Letzte Änderung am 2016-06-30 18:28:51


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