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Update: 29.08.2018, 12:35 Uhr

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Von Christa Hager

  • "Die ganze Welt ist ein Kaktus" - oder: Die Wiederauferstehung einer Single. Teil 1 der Sommer-Singles-Serie

Eine Single, viele Schriften, und ein fast unsichtbarer Finger. Jacques Dutronts "Les Cactus", erschienen 1966.

Eine Single, viele Schriften, und ein fast unsichtbarer Finger. Jacques Dutronts "Les Cactus", erschienen 1966.© Wiener Zeitung, Christa Hager Eine Single, viele Schriften, und ein fast unsichtbarer Finger. Jacques Dutronts "Les Cactus", erschienen 1966.© Wiener Zeitung, Christa Hager

Eigentlich ist es eher ungewöhnlich, dass ein Mann nur unter dem Namen seiner berühmten Frau bekannt ist. Umgekehrt ist man es ja gewöhnt. Auch heute noch. Aber in diesem Fall ist es doppelt kurios, da auch der Mann sehr prominent ist. Tatsächlich sind beide sehr bekannt, zumindest in dem Land, in dem sie berühmt wurden.

Doch der Ruhm des Mannes drang nicht ganz so über die Grenzen hinweg, und so geschah es, dass Jacques Dutronc bis heute international besser bekannt ist als Monsieur Françoise Hardy. Zwar sang auch Hardys Mann seine Hits nicht nur für die Franzosen, er wurde aber offenbar vor allem in Frankreich gehört und bekannt.

Dennoch schafften es ein paar Singles des besagten Herrn nach Österreich auf die Plattenteller. Sie waren dort in wohlfeiner Gesellschaft mit den Kinks, den Beatles und den Stones. Später wurden sie in eine Schachtel gesteckt und mutierten zum Spielzeug eines Kindes. Und diesem gefiel ein Cover ganz besonders: nämlich das mit dem großen, grünen Kaktus und dem lustigen Strohhut. Das Problem: es gab keinen Plattenspieler zuhause, Vinyl bedeutete damals Haptik anstatt Ton. Doch der Mangel eines Plattenspielers hatte auch etwas Gutes: Er machte Vinyl ungemein interessant. Irgendwann wurde die Schachtel trotzdem verräumt. Aber nicht vergessen.

Und Jacques Dutronc? Sein Stern ging nicht unter. Nach seinem Durchbruch 1966 mit "Et moi, et moi et moi", damals wie heute ein überaus beliebtes Stück für Coverversionen, folgten weitere große Hits wie, "J'aime les filles" (1967) und eben "Les Cactus" (1967). Fortan parodierte er sich weiter selbst, es gab Kniezittern statt Hüftschwung und ohne Anzug keinen Auftritt. Aus der sicheren Distanz eines Bourgeois machte er sich über Hippies und Bobos lustig, lästerte über Wendehälse und mit dem Lächeln eines Schelms sang er inmitten von Teddybärköpfen über die Tochter vom Weihnachtsmann.

Die quirlige Querflöte in Dutroncs "Il est cinq heures, Paris s'éveille" kam dann auch oft in die Radios außerhalb Frankreichs, die Single erschien 1968. Im selben Jahr wurden er und Hardy offiziell ein Paar, geheiratet haben sie dann 1981.

Jacques Dutronc wurde heuer 75 Jahre alt. In Frankreich gehört er zu den einflussreichsten Musikern. Doch sein Stern glänzt auch anderswo. Mit dem Film "Antoine et Sébastien" begann er Anfang der 1970er seine zweite Karriere - als Schauspieler. Mehr als 40 Filme hat er gedreht, unter anderem mit Jean-Luc Godard und Claude Sautet. 1992 bekam er für die Titelrolle in Maurice Pialats "van Gogh" als bester Schauspieler den französischen Filmpreis César.

Ungefähr zu dieser Zeit fand "Les Cactus " dann seinen Weg aus der alten, elterlichen Plattenschachtel. Denn "Die Kakteen" der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen ließ eine blasse Erinnerung an das Cover der gleichnamigen Single mit dem komischen Hut aufkeimen.
Sie wurde gesucht und gefunden. Und landete endlich auf dem Plattenteller.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-08 15:10:10
Letzte Änderung am 2018-08-29 12:35:39


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