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Update: 21.08.2018, 14:41 Uhr

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Schlagzeugsolo für die Ewigkeit




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Von Michael Ortner

  • Vier Takte einer B-Seite werden zum meistgesampleten Drum-Solo aller Zeiten. Teil 2 der Sommer-Singles-Serie.

Ein Kultsample, das in jede Plattensammlung gehört. "Amen, Brother" von den Winstons aus dem Jahr 1969.

Ein Kultsample, das in jede Plattensammlung gehört. "Amen, Brother" von den Winstons aus dem Jahr 1969.© Wiener Zeitung, Michael Ortner Ein Kultsample, das in jede Plattensammlung gehört. "Amen, Brother" von den Winstons aus dem Jahr 1969.© Wiener Zeitung, Michael Ortner

Es war an einem Frühlingstag 1969 in Atlanta, Georgia. Als Gregory C. Coleman mit seinen Bandkollegen der Winstons ins Le Fevre Studio kam, ahnte er nicht, dass er an diesem Tag Popgeschichte schreiben würde. Die sechs Musiker hatten mit "Color Him Father" bereits ein Stück aufgenommen, doch die B-Seite fehlte noch. Die Band wollte die Sache schnell hinter sich bringen, nach 20 Minuten war der Song fertig zum Aufnehmen. "Amen, Brother": Ein zweieinhalbminütiger Instrumentalsong, nicht mehr als ein Lückenfüller.

Der Erfolg der Single ließ nicht lange auf sich warten. Der Song "Color Him Father" schoss in den Charts nach oben. Er wurde zum Millionenseller und ein Jahr darauf mit einem Grammy belohnt. Dennoch hatte die Band Schwierigkeiten, gebucht zu werden. Schwarze und weiße Musiker zusammen in einer Band? Unvorstellbar. Die Bürgerrechtsgesetze haben die Rassentrennung zwar offiziell abgeschafft. Im erzkonservativen Süden hielten sich hingegen noch lange gegenteilige Ansichten. Eine Tournee kam nie zustande. The Winstons lösten sich auf. Ein Schicksal, das viele kleine Soul-Bands dieser Zeit ereilte.

Doch mehr als ein Jahrzehnt später erlebt ihre Single eine zweite Blüte. Besser gesagt die B-Seite. Denn während sie Ende der 60er kaum Aufmerksamkeit erregte, wurde sie nun von einer neuen Generation von Musikern wiederentdeckt. In der Bronx erblickte der Hip Hop das Licht der Welt. Die Bands formten fortan Rapper und DJs. Mit dem Hip Hop entstand auch eine neue Technik der Aneignung: Das Sampling. Bläsersätze, Gitarrenriffs oder Schlagzeugsoli,  Soundfetzen aus älteren Platten wurden in neuen Songs recycled.

Hier beginnt die zweite Geschichte der Winstons und ihrer B-Seite. Denn das Schlagzeugsolo des Songs sollte die unterschiedlichsten Musikstile prägen: Von Rap bis Rock, von Jungle bis zu Pop. Ein Drum-Break, der sechs Sekunden dauert, wird tausendfach kopiert, verzerrt, verlangsamt und beschleunigt. Einer der ersten Songs, in denen das Schlagzeug auftaucht, war Salt’n’Pepas "I Desire" aus dem Jahr 1986. Zwei Jahre später krallten sich die Polit-Rapper von NWA das Solo. Der Beat für "Straight outta Compton" basiert auf dem Schlagzeugsolo der Winstons.

Der "Amen Break" wurde so populär, dass er es sogar nach Europa schaffte. Jugendliche tanzten in den 1990er-Jahren zu schnellen Breakbeats in britischen Industriehallen. Der Jungle, eine Vorstufe des Rave, war geboren. Das Grundgerüst: Colemans Schlagzeugsolo. Vier Takte eines Schlagzeugs werden zum vermutlich meistgesampleten Drum-Solo der Musikgeschichte. Die Website "Whosampled" listet aktuell über 2900 Einträge.

Die "Winstons" auf einem Foto aus dem "Billboard"-Magazin 1969.

Die "Winstons" auf einem Foto aus dem "Billboard"-Magazin 1969.© Wikicommons Die "Winstons" auf einem Foto aus dem "Billboard"-Magazin 1969.© Wikicommons

Von den 1980ern bis heute bedienten sich Musiker beim "Amen Break". Von Oasis bis Janet Jackson, von The Prodigy bis Amy Winehouse, von Dj Shadow bis David Bowie. Sie alle haben damit Geld verdient. Die Winstons sahen keinen Cent. "Ich fühlte mich abgezockt und vergewaltigt", sagte Richard L. Spencer 2015 in einem BBC-Interview. Spencer war der Leadsänger der Winstons. Die Band wusste lange nichts vom Erfolg der B-Seite dies- und jenseits des Atlantiks.

Sampling war in den 1980ern noch ein Graubereich. Copyright-Rechte interessierten niemanden. Deshalb bekamen die Winstons nie Tantiemen für die Nutzung ihres Stücks. Zwei britische DJs wollten dies ändern. Sie starteten 2015 eine Crowdfunding-Kampagne, um Geld für die Urheber des "Amen Break" zu sammeln. Rund 26.000 Dollar kamen zusammen - ein mickriger Betrag angesichts der tausendfachen Nutzung. Spencer schloss dennoch seinen Frieden mit dem Sampling. "Es ist nicht das schlechteste was dir passieren kann. Ich bin ein schwarzer Mann in Amerika und die Tatsache, dass jemand etwas verwenden will, was ich erschaffen habe - das schmeichelt mir", sagte er im BBC-Interview. Sein Bandkollege Coleman, der Schöpfer des Schlagzeugsolos, erlebte dies hingegen nicht mehr. Er starb 2006 in Atlanta.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-15 12:35:33
Letzte Änderung am 2018-08-21 14:41:09


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