• vom 18.10.2018, 10:00 Uhr

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Update: 18.10.2018, 12:15 Uhr

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Der erste deutsche Rap-Song




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Von Michael Ortner

  • Peinliche Parodie: Thomas Gottschalk bringt mit zwei Kollegen 1980 den Rap ins deutsche Wohnzimmer.Teil 8 der Singles-Serie.

Ungelenker Rap: GLS United.

Ungelenker Rap: GLS United.© Wiener Zeitung, Michael Ortner Ungelenker Rap: GLS United.© Wiener Zeitung, Michael Ortner

Schottenrock, Glitzerkostüm oder doch Leoparden-Muster: Wenn Thomas Gottschalk auf der Bühne von "Wetten Dass..?" erschien, fiel der Blick sofort auf sein Outfit. Manchen kam das Grausen, andere fanden es schick. Sein extravaganter Geschmack füllte Kolumnen im Feuilleton, Twitter gab es damals - Anfang der 1990er - noch nicht. Gottschalk samt seinen modischen Faux-pas gehörte einfach zum festen Samstagabendprogramm.

Begonnen hat Deutschlands mutmaßlich beliebtester Entertainer aber beim Radio. Erst beim Jugendsender des Bayerischen Rundfunks, 1973 wurde er Sprecher der "Abendschau"-Nachrichten. Drei Jahre später schaffte er es mit einer Music-Clip-Show auch ins Bewegtbild. Als Jugendlicher sammelte er bereits Erfahrung als Discjockey. Später moderierte er die Hitparade. Pop war ihm irgendwie in die Wiege gelegt. Gemeinsam mit Mike Krüger blödelte er sich durch die Klamaukfilm-Klassiker "Piratensender Powerplay" und natürlich "Zwei Nasen tanken Super".

Ungelenker Rap

Was viele vermutlich nicht wissen: Der Moderator sicherte sich auch einen Platz in der Popgeschichte. April 1980, Ruhrlandhalle in Bochum. Dort wird für das ZDF die "Michael Schanze Show" aufgezeichnet. An einem Tisch auf der Bühne sitzen Gottschalk, Frank Laufenberg und Manfred Sexauer, ebenfalls Radiomoderatoren. Was dann folgt, ist aus heutiger Sicht an Peinlichkeit nicht zu übertreffen. "Sag mal Hip-Hop, the hibbe, the hibbe-dibbe Hip Hip-Hop to the Beat" rapt Laufenberg ungelenk ins Mikro. In dieser Halle im Ruhrgebiet wird der erste deutsche Rap-Song "aufgeführt". Sie nennen sich "G.L.S. United".

So schlecht kam die Single damals gar nicht an. "Rapper’s Deutsch" schaffte es auf Platz 48 der deutschen Hitparaden. Ein beachtlicher Erfolg für eine Parodie. Denn der Song basiert auf dem bekannten "Rapper’s Delight" der Sugarhill Gang aus dem Jahr 1979. Im Original-Video wippt das Publikum die Hüften, Tänzer in hautengen Kostümen geben sich dem Beat hin, an dem die Disco-Ära ihre Spuren hinterließ.

In der Ruhrlandhalle hingegen weiß das Publikum nicht recht, was es mit dem Sprechgesang auf sich hat. Zumindest wird im Takt mitgeklatscht, wenn die drei Spaßrapper von ihren Lieblingsbands der 50er, 60er und 70er erzählen und dabei armselige Grooves vollführen. "Ich kann mich gut daran erinnern, dass 1980 kaum jemand in Deutschland wusste, was Rap ist", schreibt Laufenberg auf seiner Website. Sucht man den Song heute im Netz, stößt man häufig auf Kommentare, die von "grausam" bis "traumhaft" reichen. Hinter dem Song steckt Produzent Harold Faltermeyer, der es mit seiner Musik bis nach Hollywood schaffte. Das "Theme" aus "Top Gun" und aus "Beverly Hills Cop" stammen vom Deutschen.

Auswirkungen auf die deutsche Hip-Hop-Kultur hatte "Rapper’s Deutsch" nicht. Der Musikjournalist Ralf Niemczyk bezeichnete den Song als "Treppenwitz der Musikgeschichte". Rund ein Jahrzehnt später, Anfang der 1990er-Jahre, wurde Hip Hop in Deutschland geboren. GI’s brachten die Musik aus der Bronx nach Deutschland. Filme wie "Beat Street" und "Wild Style" dokumentierten die US-amerikanische Graffiti- und Breakdancekultur. Allmählich begannen Jugendliche, die Kultur zu adaptieren. Es entwickelte sich deutscher Sprechgesang. Toni L, Torch, Boulevard Bou, die Stieber Twins und viele andere gelten als Väter des deutschen Hip Hop. Die Fantastischen Vier aus Stuttgart waren die ersten, die auch in den Charts damit Erfolg hatten.

Wer nach popkulturellem Lückenwissen sucht: Der Song des Moderatoren-Trios war kein Einzelfall. Es gibt noch zahlreiche andere skurrile deutsche Coverversionen, wie etwa Gabi Annicettes "Hau Schon ab" – im Original "The Message" von Grandmaster Flash & The Furious Five. Selbst Cindy & Bert verließen die ihnen vertrauten Schlagergefilde und verbreiteten mit ihrem "Hund von Baskerville" (eine Coverversion von "Paranoid" von Black Sabbath) "Angst und Schrecken".





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-03 17:58:23
Letzte Änderung am 2018-10-18 12:15:07


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