• vom 26.11.2018, 18:08 Uhr

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Von Gerhard Kohlmaier

  • Die Parteien links der Mitte können es nur mit neuen Angeboten an die Menschen aus der Krise schaffen. Davon ist jedoch wenig zu bemerken.

Gerhard Kohlmaier ist AHS-Lehrer für Philosophie und Deutsch in Wien.

Gerhard Kohlmaier ist AHS-Lehrer für Philosophie und Deutsch in Wien. Gerhard Kohlmaier ist AHS-Lehrer für Philosophie und Deutsch in Wien.

Orientierungslosigkeit und Zukunftsängste vieler Menschen prägen unsere europäischen Gesellschaften in einer Zeit, in der die Möglichkeiten der Lebensgestaltung zunehmend eingeschränkt erscheinen. Die Politik der freien Märkte, die Globalisierung, die Klimaproblematik und die dadurch mitverursachte und erst noch zu erwartende intensive Flüchtlingswelle, ja sogar die Finanzkrise - sie alle sind im Wesentlichen Folgen einer neoliberalen Politik, durch die es auf der einen Seite der Gesellschaft immer weniger, aber immer reichere und mächtigere Gewinner gibt, auf der anderen Seite jedoch driften immer mehr Bürger auf die Verliererseite. Dazu gesellen sich Veränderungen im gesamten Bereich der Arbeits- und Lebenswelt, durch welche kein Stein auf dem anderen zu bleiben droht. Hinzu kommt, dass vielen Bürgern der Verlust gewohnter Sicherheiten im sozialen Bereich droht oder bereits Realität ist.

Auf dem Hintergrund dieses Szenarios ist das Vertrauen der Bürger in jene Politik, welche die unerwünschten Geister nicht nur gerufen, sondern mitunter auch deren Existenz durch kräftiges Zutun ermöglicht hat, erschüttert. Die Heilsversprechen der Politiker und der Konzerne, welche die Zuversicht der Bürger in die Entstehung einer besseren Welt geraume Zeit am Köcheln halten konnte, ist einer grundsätzlichen Zukunftsskepsis, welche sich durch nahezu alle Gesellschaftsschichten zieht, gewichen.


Während eine zukunftsgewandte Politik nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre durch überwundene Kriege und Armut gespeist wurde, eine Aufbruchstimmung in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen sicht- und spürbar war, geht es heute um den drohenden Verlust von Erreichtem.

Rechte und populistische Parteien reagieren in ganz Europa auf diese Situation, indem sie den zukunftslosen Blick der Menschen auf eine Vergangenheit richten, die es zu bewahren gelte. Nationalstaat versus Europa, Abschottung versus Öffnung, starke Führerpersönlichkeiten versus eine offene, demokratische Gesellschaft, Überfremdung versus Volk sind einige Kennzeichen dieser Politik der Angst. Die Strategie ist von Erfolg gekrönt, misst man diesen an Wahlerfolgen.

Die Zukunft ist unsicher geworden. Das war sie zwar schon immer, allerdings besteht das Dilemma unserer Zeit vor allem darin, dass es der Zukunft an großen Entwürfen mangelt. In einer Welt, in welcher die gewonnene Individualität so lange eine scheinbare bleibt, wie
sie von Marktgesetzen und vom Bewahren der Vergangenheit dominiert wird und nicht dem Bewusstsein der Menschen entspringt, ist und bleibt der Mensch unfrei und populistischen, rückwärtsgewandten Bewahrungsstrategien ausgeliefert.

Die europäischen Parteien links der Mitte werden nur dann aus ihrer Krise kommen, wenn sie es schaffen, den Menschen Entwürfe einer zukünftigen Gesellschaftspolitik sowie praktikable Lebensgestaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen anzubieten, die das "Heimweh nach der Zukunft" (wie es Jean-Paul Sartre nannte) zu stillen vermögen und dieses nicht in die Vergangenheit lenken. Davon ist derzeit jedoch wenig zu bemerken.




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Dokument erstellt am 2018-11-26 18:19:28


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