• vom 11.12.2018, 12:17 Uhr

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Update: 11.12.2018, 12:57 Uhr

Gastkommentar

Ein kompletter Stopp der Migration aus Afrika ist nicht sinnvoll




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Von Judith Kohlenberger

  • Zwei Chancen für eine neue Partnerschaft zwischen der EU und den Herkunftsländern.

Judith Kohlenberger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien und Mitglied der Querdenkerplattform Wien-Europa (www.querdenkereuropa.at).

Judith Kohlenberger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien und Mitglied der Querdenkerplattform Wien-Europa (www.querdenkereuropa.at).© Christian Lendl Judith Kohlenberger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien und Mitglied der Querdenkerplattform Wien-Europa (www.querdenkereuropa.at).© Christian Lendl

Ist von Afrika die Rede, dominieren Migration und deren Prävention die Debatte. Nicht zuletzt aufgrund der Schwerpunktsetzung der österreichischen Ratspräsidentschaft wird der Kontinent vor allem im Licht seiner stark wachsenden Bevölkerung betrachtet - ein Umstand, der weniger auf steigende Fertilität als auf sinkende Kindersterblichkeit zurückzuführen ist. Doch auch wirtschaftlich wächst Afrika, wie China und Russland bereits erkannt haben. Für Europa bieten sich zwei Chancen, die uns partnerschaftlich mit Afrika verbinden können: zirkuläre Migration und Bildung.

Unter dem Motto "Hilfe vor Ort" setzt Europa verstärkt auf Kooperation mit afrikanischen Herkunftsländern und die Schließung von Fluchtrouten. Das einseitige Reduzieren von Migrationsströmen kann aber destabilisierend auf regionale Wirtschaft und Sicherheit wirken. Einerseits nehmen Migranten, die dennoch nach Libyen und weiter in die EU reisen wollen, immer gefährlichere Wege durch die Wüste auf sich, was pro Jahr zu hunderten Toten durch Dehydrierung führt. Das Sterben im Mittelmeer wird in die Sahara verlagert.

Information

Im Vorfeld des EU-Afrika-Gipfels findet am
Freitag, 14. Dezember, um 10.30 Uhr
an der Diplomatischen Akademie eine prominent besetzte Diskussionsrunde zum Thema "Partnerschaft mit Afrika entscheidet Europas Zukunft" mit Othmar Karas, Karl Aiginger und vielen anderen statt.

Andererseits zeigt sich in Transitländern wie Niger ein Anstieg von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogenhandel. Städte entlang einst stark frequentierter Routen müssen Schulen und Spitäler schließen, die durch den Wegfall der Migrationsindustrie nicht mehr finanzierbar sind. Projekte, die alternative Lebensgrundlagen für frühere Schlepper schaffen und damit kriminellen Aktivitäten und Re-Migration entgegenwirken, sind rar.

Zudem ist ein kompletter Stopp der afrikanischen Wanderung nach Europa weder realistisch noch sinnvoll. Damit beide Seiten nachhaltig profitieren, sollte auf zirkuläre Migration gesetzt werden: legal mittels Arbeits- oder Studentenvisa, gekoppelt an eine freiwillige Rückkehr nach einigen Jahren, um den afrikanischen Brain-Drain zu begrenzen und positive Lerneffekte in den Herkunftsländern zu fördern. Gleichzeitig muss aber auch Bildung in Afrika gefördert werden, um generationenübergreifende Armut zu senken und weibliche Selbstbestimmung zu stärken.

Damit eine afrikanisch-europäische Partnerschaft auf Augenhöhe stattfindet, wird vor allem maßgeblich sein, inwieweit Afrika seine Entwicklung selbst steuern und europäische Fehler vermeiden kann. Angesichts des Klimawandels, der Afrika bereits jetzt überproportional trifft, ist Nachhaltigkeit kein Modewort, sondern bittere Notwendigkeit. Digitale Technologien in öffentlicher Verwaltung, Gesundheit und Landwirtschaft sowie dezentrale, klimaresistente Energie- und Wassergewinnung sind innovative Ansätze, aus denen auch Europa lernen kann.

Dafür braucht es aber zuallererst eine Diversifizierung des monolithischen "Afrika" in vielen europäischen Köpfen. In der Medienberichterstattung dominieren weiterhin neokoloniale Stereotype - man denke an Melania Trumps Afrika-Reise, die dem Filmset von "Out of Africa" entsprungen schien. Und da helfen nicht allein wirtschaftspolitische Maßnahmen: Dass der Streaminganbieter Netflix bald Original-Content aus Afrika produzieren will, lässt hoffen, dass so manches Bild in den Köpfen neu gezeichnet wird.





Schlagwörter

Gastkommentar, EU, Afrika, Migration

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-12-11 12:28:45
Letzte Änderung am 2018-12-11 12:57:07



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