• vom 13.12.2018, 12:00 Uhr

Gastkommentare

Update: 13.12.2018, 14:43 Uhr

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Ware oder Kulturgut?




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Von Michael Haneke

  • Die Zukunft des europäischen Films.

Michael Haneke ist vielfach preisgekrönter Filmregisseur und Drehbuchautor.

Michael Haneke ist vielfach preisgekrönter Filmregisseur und Drehbuchautor.© afp/Scarnici Michael Haneke ist vielfach preisgekrönter Filmregisseur und Drehbuchautor.© afp/Scarnici

Hat das internationale Kino eine gemeinsame Zukunft? Was es gemeinsam täglich verändert, ist die Entwicklung technischer Möglichkeiten. Sonst scheinen die Auspizien des Mediums auf den diversen Kontinenten höchst unterschiedlich. Aber bleiben wir in Europa. Was ist denn das - der europäische Film? Wodurch unterscheidet er sich von dem der übrigen Welt? Es gibt in den USA Filmer, die man "europäisch" nennt und die in Europa den Löwenanteil ihrer Zuschauer finden. Denken Sie an Regisseure wie Robert Altman, John Cassavetes, Woody Allen, den frühen Martin Scorsese. Was macht sie europäisch? Und es gibt unter den Europäern jene, die versuchen, Hollywood Konkurrenz zu machen. Letztere scheitern meist. Warum? Was unterscheidet europäische Filme von amerikanischen? Es braucht keinen pessimistischen Ökonomen für eine schnelle und leider auch zutreffende Antwort: ihre wirtschaftliche Ineffizienz. Sie verkaufen sich schlechter.

Die Antwort auf die Frage nach der Ursache dieses Mangels ist ebenfalls schnell: ihre Vielsprachigkeit. Ein Film ohne englische Originalfassung hat auf dem internationalen Markt wenig Chance. Das indische Kino produziert zwar ohne die Weltsprache Englisch noch mehr als Hollywood, aber 1,3 Milliarden Inder garantieren den kommerziellen Erfolg. Die Multikulturalität, die schöne Kehrseite und der eigentliche enorme Reichtum Europas, bietet kein vergleichbares Verkaufsargument.

Ende des europäischen Films?

Der Text ist auch in "Zukunft. Erkennen | Gestalten" (Hg. Hannes Androsch & Peter Pelinka, Verlag Brandstätter) erschienen.

Der Text ist auch in "Zukunft. Erkennen | Gestalten" (Hg. Hannes Androsch & Peter Pelinka, Verlag Brandstätter) erschienen. Der Text ist auch in "Zukunft. Erkennen | Gestalten" (Hg. Hannes Androsch & Peter Pelinka, Verlag Brandstätter) erschienen.

Wird das transatlantische Freihandelsabkommen, das seit geraumer Zeit zwischen Europa und den USA verhandelt wird, im Sinne der USA geschlossen, ist dem europäischen Film mit der Abschaffung der Filmförderung ohnehin der Garaus gemacht. Noch hat sich die Filmnation Frankreich starkgemacht, dies zu verhindern. Das letzte Wort hierüber ist aber noch lange nicht gesprochen, und die Wirtschaftsgroßmacht USA wird nichts unversucht lassen, die zwar kleine, aber immer noch lästige Konkurrenz endlich doch aus der Welt zu schaffen. Im Verleihbereich hat sie das ohnehin längst erreicht.

Die gegensätzlichen Positionen der beiden Kulturblöcke sind klar: Amerika betrachtet den Film als Ware - deshalb sind Förderungen seitens eines Handelspartners eine unzulässige Wettbewerbsverzerrung. Europa sieht im Film ein Kulturgut, das es wie Theater, Oper, Museen, Orchester und andere kulturelle Einrichtungen zu fördern und zu erhalten gilt.

Kulturpolitik ist und war immer eine innenpolitische Entscheidung. Wenn Europa aus ökonomischem Interesse wirklich die "Kulturpolitik" der USA übernehmen will, wenn Buchpreisbindung und Filmförderung, wenn Kunstförderung überhaupt als wirtschaftlich unangemessene Konkurrenz im Warenaustausch von uns akzeptiert und abgeschafft werden, degenerieren wir endlich vollends zur kulturellen Provinz des großen amerikanischen Bruders.

Aber warum eigentlich nicht? Wodurch verdient der ohnehin schwächelnde europäische Film Förderung? Man hat ja schon den Kohleabbau sinn- und endlos weitergefördert und damit Milliarden vergeudet, als längst klar war, dass er zukunftslos geworden war. Warum? Weil man Angst hatte, der bitteren Wahrheit ins Auge zu schauen. Warum also beim Film ähnlich mutlos reagieren? Der Großteil der Bevölkerung sieht ohnehin lieber die internationalen Blockbuster. Und die Notwendigkeit, Qualität für eine Bildungselite im Massenmedium Film zu fördern, ist ein für Politiker undankbares Geschäft. Sie gewinnen damit keine Stimmen.

Schreibe ich hier als Vertreter aussterbender Saurier, um das traurige Zukunftslos der europäischen Filmlandschaft zu beklagen? Ich denke, es ist sinnlos, Äpfel mit Birnen oder die Verkaufszahlen von Lyrikbänden mit jenen von Trivialliteratur zu vergleichen. Die Wichtigkeit eines Lyrikbandes misst sich nicht an seiner Auflage. Von Zeit zu Zeit bringt es auch so ein Lyrikband zur Übersetzung in andere Sprachen und zu internationaler Leserschaft. Das macht den Lyriker glücklich, denn jeder, auch der Esoterischste, will gelesen werden, und es trägt zur Akzeptanz von Lyrik in der Gesellschaft bei. Wann dieser Glücksfall eintritt, ist allerdings bedauerlicherweise weder zu planen noch vorherzusagen. Er tritt nur dort ein, wo das Gedicht den Menschen ins Herz trifft.

Finanzielle Unterstützung

Das sagt sich leicht. Wie viele Gedichtbände aus dem Dänischen, dem Deutschen, dem Kroatischen werden jährlich in andere Sprachen übersetzt? Wie viele Filme verlassen jährlich die sprachlichen Grenzen ihrer Ursprungsländer? Der Vergleich hinkt, ich weiß. Ein Gedicht braucht seinen Dichter, Papier und Bleistift. Beim Film ist es etwas anders. Wenn sich aber die Gesellschaft das Kulturgut oder gar die Kunstform Film leisten will, kommt sie nicht darum herum, sie finanziell zu stützen. Noch tut sie das.

Was tun die Filmschaffenden dafür? Ich sagte gerade, weltweite Publikumsakzeptanz findet nur statt, wo das Herz des Rezipienten getroffen ist. Wie geht das? Heißt das, dem Publikum das zu liefern, was es verlangt? Was verlangt es? Film ist ein Überwältigungsmedium, und die Verfertiger von Blockbustern wissen nur zu gut, welche Verlangen befriedigt werden müssen, um zwei Stunden lang die eigene Welt vergessen zu lassen. Auch Europa hat eine beeindruckende Riege von Filmschaffenden, die sich der Befriedigung dieses Verlangens verschrieben haben.

Was ist Entertainment?

Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist kein Plädoyer gegen den Mainstream. Entertainment ist eine wunderbare Sache, ja als Erholungsraum von der tristen Wirklichkeit gesellschaftlicher Misere sogar eine soziale Notwendigkeit. Je größer das Unbehagen, desto dringender das Bedürfnis, es zu vergessen, desto dringender das Bedürfnis, sich beruhigen zu lassen. Der gesellschaftlich Machtlose braucht die Affirmation des erreichten Status quo. Populisten und Diktaturen gestern wie heute wussten und wissen das zu nutzen - dazu brauche ich nicht einmal daran zu erinnern, wie erfolgreich die Filmindustrie der Nazis war und wie wenig Sorgen sie sich um staatliche Unterstützung machen musste.

Ist diese Affirmationsindustrie auch heute förderungswürdig? Eine Frage, die sich Kulturpolitiker stellen sollten. Das Argument hierfür klingt schwerwiegend: Man brauche viel Milch, um Sahne zu produzieren. Aber wenn europäische Filmproduktionen sich mit europäischen Geldern für US-Produkte einspannen lassen, sollte man zumindest diese Frage stellen dürfen. Was ist Entertainment denn? Ist Johann Sebastian Bachs "Matthäus-Passion" keine Unterhaltung? Was unterscheidet handwerklich gut gemachte und famos unterhaltende Manipulation vom Kunstwerk, von dem ich vorhin sagte, es träfe ins Herz?

Ich und viele meiner europäischen Kollegen fragen uns oft, warum uns das Kino aus der sogenannten Dritten Welt meist mehr interessiert und mehr packt als jenes aus unserer Heimat und aus unseren Nachbarländern. Wir lassen uns alle gern von der Opulenz des internationalen Mainstreams zerstreuen und oft auch von seiner unleugbaren handwerklichen Perfektion beeindrucken, aber wenn wir das Bedürfnis hegen, persönlich angesprochen, berührt, in Frage gestellt oder gar erschüttert zu werden, ziehen wir es vor, einen Film aus dem Iran, der Türkei, Rumänien oder Afrika anzuschauen.

Warum? Sind die Filmschulen dort besser oder die staatliche Förderung großzügiger? Ich fürchte, das ist nicht der Fall. Wovon erzählen denn diese Filme? Sie erzählen im Allgemeinen kleine alltägliche Geschichten vom Leben und von der Not der Menschen in diesen Ländern. Und man fragt sich oft erstaunt: Warum denn mit solcher Kraft? Ist es wirklich bloß das Exotische, das uns daran interessiert - dass wir Lebensformen kennenlernen, die uns wenig bis nicht bekannt waren?

Wohlstand macht müde

Ist es nicht eher die Tatsache, dass diese Menschen versuchen, mit künstlerischen Mitteln ihr Leben zu bewältigen, das oft politische und soziale Probleme prägen? Dass es ihre letzte Zuflucht ist, ihre Verteidigung, dass es ihnen auf existenzielle Weise ernst ist mit dem, was sie tun? Es fehlt ihnen der Zynismus der Zerstreuungsindustrie. Es wäre ein Missverständnis, daraus zu schließen, dass man politische und ökonomische Probleme braucht, um interessante Filme zu machen oder Bücher zu schreiben.

Aber Wohlstand macht müde und lähmt den Widerspruchsgeist. Und nie war Europas Wohlstand größer als heute. Wovon erzählen wir denn und für wen? Für einen Konsumenten, den uns die Unterhaltungsprofis Amerikas und Asiens längst weggenommen haben? Für Kinder, die süchtig nach Märchen sind? Oder für ein Du, das wir genauso ernst nehmen, wie wir selber genommen werden wollen? Ich glaube, dass das die Frage ist, die ich mir im Schutze finanziellen Behütetseins stellen muss, will ich mich auch noch morgen ohne Verachtung im Spiegel anschauen. Wer ist das Du, an das wir uns richten?

Von Kunst zu sprechen - und wir führen dieses Wort ja nur allzu gern im Munde, um die Subvention, die wir genießen, zu rechtfertigen -, ist nur dem erlaubt, der seinen Rezipienten als autonomes, als selbständig denkendes Wesen akzeptiert. Als Partner auf Augenhöhe. Das große europäische Kino hat das immer getan. Es gibt, denke ich, in aller Kunst eine Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Und - wie schon eine große österreichische Dichterin sagte: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar."

Kraft der bewegten Bilder

Ich möchte eine kleine Anekdote erzählen: Vor mehr als sechzig Jahren, also wenige Jahre nach dem Krieg, hat Dänemark eine Einladung an jene Länder gesandt, die den Krieg verloren hatten. Es hat Kinder aus den Ländern eingeladen, die sich noch kurz vorher als barbarische Feinde gezeigt hatten, um deren Hunger zu lindern. Ich war eines dieser Kinder. Im Vorschulalter, zum ersten Mal von zu Hause weg, und Dänisch nicht sprechend, war ich trotz der liebevollen Fürsorge meiner Zieheltern sehr einsam und unglücklich. Um dieses Unglück zu mildern, führte man mich zum ersten Mal in meinem Leben ins Kino. Ich erinnere mich noch genau: Es war ein langgestreckter Saal mit seitlichen Türen ins Freie. Der Film spielte in der afrikanischen Savanne, und die Tiere begeisterten mich über die Maßen. Dann, plötzlich, war der Film zu Ende, das Licht ging an, und die Türen auf die inzwischen nächtlich dunkle Straße öffneten sich. Und ich verstand nicht, wie ich so schnell aus dem sonnendurchfluteten Afrika in den abendlichen Regen von Kopenhagen kommen konnte.

Ich habe dieses beeindruckende und irritierende Gefühl anschließend bald vergessen und erst sehr viel später, als ich mich mit der Wirkung von Medien zu beschäftigen begann, fiel es mir wieder ein, und ich begriff, dass in diesem Kinoerlebnis ein ganz wichtiger Baustein meiner beruflichen Entwicklung steckt. Ich hatte die unglaubliche Kraft der bewegten Bilder erfahren, ihre Möglichkeit der Verzauberung wie der Entmündigung - ein Erlebnis, das heute, wo Fernsehen und Computer schon im vorsprachlichen Alter zur täglich erlebten Selbstverständlichkeit gehören, kaum noch nachzuvollziehen ist. Es hat mich darauf aufmerksam gemacht, wie viel Verantwortung von jenen gefordert ist, die diese Bilder schaffen.





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Dokument erstellt am 2018-12-12 17:16:56
Letzte Änderung am 2018-12-13 14:43:18



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