• vom 16.12.2018, 08:00 Uhr

Gastkommentare

Update: 18.12.2018, 09:46 Uhr

Gastkommentar

Afrika ist kein hoffnungsloser Kontinent




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Von Arno Tausch


    Kein rückständiger Kontinent: Gründer wie der Kenianer Kago Kagichiri, der die Online-Bildungsplattform Eneza Education entwickelt hat, stehen für das neue Afrika.

    Kein rückständiger Kontinent: Gründer wie der Kenianer Kago Kagichiri, der die Online-Bildungsplattform Eneza Education entwickelt hat, stehen für das neue Afrika.© afp/Tony Karumba Kein rückständiger Kontinent: Gründer wie der Kenianer Kago Kagichiri, der die Online-Bildungsplattform Eneza Education entwickelt hat, stehen für das neue Afrika.© afp/Tony Karumba

    Der österreichische EU-Ratsvorsitz setzt mit der Großveranstaltung "Hochrangiges Forum Afrika-Europa" zum Thema "Taking cooperation to the digital age" am 17. und 18. Dezember im Wiener Austria Center auf der Bühne der Weltpolitik einen wichtigen Akzent. Paul Kagame, Präsident von Ruanda und Vorsitzender der Afrikanischen Union, und Bundeskanzler Sebastian Kurz als Gastgeber stellen dabei Innovation und Digitalisierung in das Zentrum der Beratungen von Regierungen, Konzernen und innovativen Unternehmen über die künftige europäisch-afrikanische Kooperation.

    Aus diesem Anlass soll hier nun eine Lücke in der jüngsten Betrachtung über die Entwicklung Afrikas geschlossen werden: den Platz Afrikas auf der Karte der wirtschaftlichen, politischen und sozialen, von den Bevölkerungen der einzelnen Länder gestützten Werte. Afrika ist keineswegs mehr bloß ein Kontinent des Elends und der Migration, sondern auch ein Kontinent des wirtschaftlichen und sozialen Wandels, des Vormarschs der Freiheit und der Innovation.

    Information

    Arno Tausch ist Universitätsdozent der Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck und Gastprofessor für Ökonomie an der Corvinus University Budapest.

    Dazu werden auf der Basis von analysierten globalen und frei verfügbaren Meinungsumfragen neue, vergleichbare Indizes für die Entwicklung der globalen Werte erstellt, um zu zeigen, welchen Rückhalt Demokratie und Marktwirtschaft unter den Bevölkerungen der Welt genießen. Der hierzu verwendete "World Values Survey" (WVS), der 1981 gestartet wurde, besteht aus national repräsentativen Umfragen, die einen gemeinsamen Fragebogen verwenden, der in etwa 100 Ländern durchgeführt wird, die etwa 90 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Afrika ist in diesen Umfragen heute viel besser dargestellt als je zuvor. Erstmals weiß die Sozialwissenschaft, was die Bevölkerung unseres Globus anstrebt.

    Die Welt, die aus der globalen Wirtschaftskrise von 2008 hervorgegangen ist und in der Afrika weit mehr ist als Elend, Migration und Ausbeutung, wurde durch den Politökonomen Andre Gunder Frank (1929 bis 2005) schon 1998 prophetisch vorausgesehen. Der Niedergang der euro-atlantischen Arena und die neue wirtschaftliche Dynamik, die sich heute nicht nur auf die Randstaaten des Pazifiks erstreckt, sondern auch auf den Indischen Ozean. Dies hat auch massive Konsequenzen für Afrika.

    Die einseitige Fixierung auf die Migration ist ein Irrtum

    Betrachtet man oberflächlich die in den Medien veröffentlichte Meinung zu Afrika in Österreich, ist sehr wenig von Start-ups und Digitalisierung, von kompetitiven Wahlen und von neuen Weltklasse-Universitäten, deren Bibliotheken schon besser an globale Netzwerke eingebunden sind als manche bedeutende und alte Universitäten in Österreich, die Rede. Das Bild von Afrika, das die Medien beherrscht, ist fraglos das der Migration, und uns Europäern bliebe, so der eingeschränkte Diskurs, nicht anderes übrig, als - je nach Ideologie - Migration aufzunehmen oder zu stoppen. Diesen Irrtum einer einseitigen Fixierung begehen - in ungewohnter trauter Einigkeit - sowohl die politische Rechte als auch die politische Linke.

    Laut den Daten der "Bilateralen Migrationsmatrix" der Weltbank betrug die Einwanderung aus Afrika im Jahr 2017 nur 15,9 Prozent der gesamten Einwanderung in die EU-28, während sie 2013 mit 16,3 Prozent noch höher lag. Heute leben zwar rund zehn Millionen Zuwanderer aus ganz Afrika auf unserem 500-Millionen-Einwohner-Kontinent; aber diese Zahl ist nur um eine halbe Million mehr, als sie es 2013 war. Lediglich für die drei Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien fällt - wohl auch aus historischen Gründen - die Abwanderungsneigung, nach Europa zu gehen, wirklich ins Gewicht.

    Die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas hat sich in einigen Ländern entschieden vom Bild des "verlorenen Kontinents" entfernt, und die Debatte hat zunehmend Faktoren wie gute Regierungsführung als ausschlaggebend für die zukünftige Entwicklung Afrikas in der Weltgesellschaft herausgestellt. Zahlen und Karten, die mehrere Länder in Afrika in wirtschaftlicher und auch in menschenrechtlicher Hinsicht rasch schon weiter vorne sehen, gibt es mittlerweile in Hülle und Fülle; und es genügt hier, die Datenarbeit der US-Forschungsinstitution Freedom House (2018) zu erwähnen. In Österreich wahrgenommen wurde sie leider nur wenig.

    Neuer Optimismus in Bezug auf die afrikanische Entwicklung

    Im Jahr 2018 waren Kap Verde und Mauritius, die von Freedom House am besten platzierten afrikanischen Länder im Bereich der globalen Freiheit, mit Frankreich, der Slowakei und Italien in der Rangliste vergleichbar und sogar noch vor dem EU-Mitglied Lettland und den USA. In Ghana ist heute um die Freiheit besser bestellt als in manchen EU-Ländern, etwa Bulgarien oder Ungarn, und das Land war in der Erhebung auch einigen EU-Beitrittskandidaten auf dem Balkan weit voraus.

    In einem am Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 verfassten Papier habe ich - Land für Land - die Menschenrechtssituation in den Asylherkunftsstaaten nach den offiziellen, frei zugänglichen Länderberichten des Auswärtigen Amts in Berlin mit der damaligen Folklore der migrationspolitischen "Optimisten" und der "Willkommenskultur" verglichen und dabei gehörige Diskrepanzen feststellen müssen.

    Nicht nur die Freiheit hat in den vergangenen Jahren in Afrika große Fortschritte gemacht, auch die Wirtschaft einiger Länder gibt Raum für Hoffnung. Die beeindruckenden Verbesserungen einiger afrikanischer Länder in den globalen Rängen des "UNDP Human Development Index" nach der globalen Wirtschaftskrise von 2008 und der Zuwachs des "UNDP Human Development Index" seit 2000 sind ein Zeugnis hierfür. Nach Ansicht des großen US-Soziologen Ronald Inglehart besteht heute ein klarer Zusammenhang zwischen der Ebene der menschlichen Entwicklung, der existenziellen Sicherheit und dem, was er als "kulturelle Evolution" bezeichnet, die ich jedoch eher als die Entwicklung einer Zivilgesellschaft von Demokratie und Marktwirtschaft bezeichnen will.

    Die Analyse der Umfragedaten des "World Values Survey" ergab folgende Skalen der Unterstützung von Demokratie und Marktwirtschaft und einer demokratischen Zivilgesellschaft, die gut mit einer großen sozialwissenschaftlichen Literatur kompatibel sind:

    - gewaltfreie und gesetzestreue Gesellschaft

    - Demokratiebewegung

    - Klima der persönlichen Gewaltlosigkeit

    - Vertrauen in Institutionen

    - Glück

    - kein umverteilender religiöser Fundamentalismus

    - Akzeptanz des Marktes

    - Feminismus

    - Beteiligung an der Politik

    - Optimismus und Engagement

    - keine Wohlfahrtsmentalität, Akzeptanz der calvinistischen Arbeitsethik

    Breite sozio-politische Streuung des Kontinents

    Die Streuung der Leistung afrikanischer Länder mit vollständigen Daten ist wirklich erstaunlich. Während wir für Ghana besonders hoffnungsvoll für die Entwicklung der künftigen Demokratie sind, deutet die Untersuchung der Daten auf pessimistische Tendenzen für Ägypten und Algerien und insbesondere für Südafrika, die führende Volkswirtschaft des Kontinents, hin. Hohe Ungleichheit, gemessen am Index der Ungleichheit der UNDP-Berichte über die menschliche Entwicklung, beeinträchtigt noch die Entwicklung der menschlichen Sicherheit in zahlreichen afrikanischen Staaten.

    Man kann nun behaupten, dass der gewisse Optimismus, der jüngst Wirtschafts- und Menschenrechtsdaten aus Afrika entspricht, sich auch im Index der Entwicklung der Zivilgesellschaft widerspiegelt. Auch für Afrika gibt es zumindest an dieser Front etwas Hoffnung. Eine Untersuchung, die auf zuverlässigen neuen Erhebungen über globale Werte basiert, zeigt jedenfalls eine große Vielfalt an afrikanischen Werten. Afrikanische Länder gehören zu den weltweit führenden Staaten in der Entwicklung der Werte der globalen Bevölkerungen. So liegt etwa Ägypten bei der Beteiligung an der Politik weit vorne; Libyen und Nigeria bei Optimismus und Engagement; Ghana und Zimbabwe in Bezug auf die calvinistische Arbeitsmoral; Tunesien in Sachen gewaltfreie und gesetzestreue Gesellschaft; Nigeria, Ghana und Ruanda in der Kategorie Glück; Ghana, Tunesien und Libyen bei der Akzeptanz der Marktwirtschaft.

    Insgesamt kann man behaupten, dass sich der gewisse Optimismus, der den aus Afrika hervorgegangenen Wirtschafts- und Menschenrechtsdaten entspricht, auch im Index der Entwicklung der Zivilgesellschaft widerspiegelt. So darf man etwa hinsichtlich der Entwicklung der zukünftigen Demokratie in Ghana besonders hoffnungsvoll sein. Eine egalitärere Entwicklung würden dieses positive Szenario für Afrika insgesamt beschleunigen.

    Neben Elend und Migration gibt es auch wirtschaftlichen und sozialen Wandel, Vormarsch der Freiheit und der Innovation.





    Schlagwörter

    Gastkommentar, Afrika, EU, Wirtschaft, Krise

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    Dokument erstellt am 2018-12-14 16:04:50
    Letzte Änderung am 2018-12-18 09:46:43



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