• vom 26.12.2018, 17:39 Uhr

Gastkommentare

Update: 26.12.2018, 18:37 Uhr

Gastkommentar

Gutes und hochwertiges Essen für alle




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Von Olivier de Schutter und Thomas Waitz


    In Bezug auf die Landwirtschaft muss die europäische Politik umdenken. - © apa/Robert Jäger

    In Bezug auf die Landwirtschaft muss die europäische Politik umdenken. © apa/Robert Jäger



    In den durchschnittlich 80 Jahren, die eine Europäerin lebt, isst sie ungefähr 120.000 Mal. Zehn Jahre unseres Lebens verbringen wir mit Einkaufen, Kochen und dem Verzehr von Mahlzeiten. In Anbetracht der zentralen Rolle, die Essen in unserem Alltag spielt, ist es ziemlich unverständlich, dass die Politik den Zugang zu gesunden und nahrhaften Lebensmitteln nicht sicherstellen kann. Die Art und Weise, wie unser Essen hergestellt, verarbeitet und gehandelt wird, kann uns nicht zufriedenstellen.

    Täglich sperren in der EU ein paar hundert Bauernhöfe zu. Landflucht und Strukturschwäche in ländlichen Räumen sind ein wachsendes Problem. In beinahe allen Lebensmitteln, die auf dem Markt sind, können Pestizide nachgewiesen werden. Unser Essen wird rund um die Welt gekarrt, um Profite zu maximieren. Tiere werden in zu kleine Ställe gepfercht und im Alter von wenigen Wochen geschlachtet, damit unser Hunger nach Fleisch gestillt wird. Die Fleischproduktion hat sich in den vergangenen 45 Jahren verdreifacht. Extremes Übergewicht stellt mittlerweile eines der größten Gesundheitsprobleme dar und ist unter anderem auf zu viel Fett und Zucker in unserem Essen zurückzuführen.

    Olivier de Schutter war Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung und ist Co-Chair des IPES Food (www.ipes-food.org).

    Olivier de Schutter war Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung und ist Co-Chair des IPES Food (www.ipes-food.org).©Tineke D'haese Olivier de Schutter war Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung und ist Co-Chair des IPES Food (www.ipes-food.org).©Tineke D'haese

    Die EU zahlt Steuergelder an Großbetriebe und finanziert Monokulturen, die für dramatische Biodiversitätsverluste, degradierte Böden und verschmutzte Gewässer verantwortlich sind. Drei Viertel der genetischen Vielfalt bei Pflanzen gingen in den vergangenen hundert Jahren verloren, weil die intensive Landwirtschaft auf genetisch einförmigen Hochleistungssorten beruht.

    All das macht klar: Wir müssen jetzt handeln, um unser Gemeinsames Agrarsystem in ein Gemeinsames Lebensmittelsystem überzuführen - ein System, das gesundes und hochwertiges Essen für die Bürger und Bürgerinnen Europas bereitstellt und den Bäuerinnen und Bauern eine Perspektive gibt.

    Die nächste Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) wird das Lebensmittelsystem in der EU für viele Jahre gestalten. Diese Reform kann nur erfolgreich sein, wenn die Agrarpolitik neu ausgerichtet wird, wenn sie in einen veränderten Rahmen gestellt wird und auch neu "gebrandet" wird, um die Bedürfnisse und Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger zu erfüllen. Die neue GAP muss die Nachfrage nach gesundem, hochwertigem und vielfältigem Essen decken. Und sie muss den ökologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen, vor denen der europäische Landwirtschaftssektor steht, entgegentreten können.

    Die Reformvorschläge der EU-Kommission werden all diesen Erwartungen und Herausforderungen in keinster Weise gerecht. Das Problem der GAP sind nicht nur ihre negativen Konsequenzen, sondern auch und vor allem die Ziele, Maßnahmen und Instrumente, die ihr fehlen. Das, was fehlt, kann die GAP als Agrarpolitik aber gar nicht leisten. Europa braucht eine Gemeinsame Lebensmittelpolitik. Fünf Gründe, warum dieser Wechsel notwendig und die Zeit dafür reif ist:

    1. Politik auf einer Linie für ein gemeinsames Ziel

    Die Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren (und was wir essen), wird von einer breiten Palette von Politikbereichen beeinflusst: Landwirtschaft, Handel, Gesundheit, Konsumentenschutz, Wissenschaft und Forschung, Umwelt, Bildung und Soziales spielen alle eine Rolle. Zur Zeit wird da in völlig verschiedene Richtungen gezogen - es werden unterschiedliche Ziele gesetzt und mögliche Synergien außer acht gelassen. Zum Beispiel: Obwohl sie angeblich mit Klima- und Entwicklungspolitik konform geht, setzt die EU-Agrarhandelspolitik Anreize dafür, dass der Milch- und Fleischsektor neue Exportmärkte erschließt. Die GAP bietet Jungbauern finanzielle Unterstützung an, gleichzeitig schießen die Bodenpreise durch das flächenabhängige Fördersystem in die Höhe und erschweren somit den Zugang zu Land. Eine Gemeinsame Lebensmittelpolitik, die ein gemeinsames Ziel voranstellt, kann diese Politikbereiche unter einen Hut bringen.

    2. Verknüpfung von Verwaltungsebenen

    Bisher fehlt eine Verbindung der verschiedenen Ebenen, auf denen Lebensmittelpolitik betrieben wird. Es wurden nur wenige Versuche unternommen, Maßnahmen auf europäischer, nationaler und lokaler Ebene systematisch zu verknüpfen. Dies führt zu Regelungen, die miteinander im Konflikt stehen oder gar einander widersprechen. So behindern die EU-Vergabevorschriften die Initiativen zur Bereitstellung gesunder, nachhaltiger und lokaler Lebensmittel für Schulen und andere öffentliche Kantinen. Die Bemühungen der Regionen und Gemeinden zum Aufbau regionaler Lebensmittelsysteme und zur Stärkung der Verbindungen zwischen lokalen Verbrauchern und Erzeugern sollten auf nationaler und europäischer Ebene besser unterstützt werden. Eine vernetzte Lebensmittelpolitik kann gemeinsame Ziele festlegen und gleichzeitig vielfältige und komplementäre Wege zu nachhaltigen Lebensmittelsystemen auf verschiedenen Verwaltungsebenen fördern.

    3. Anpassung an neue Herausforderungen

    Die Maßnahmen, die die Lebensmittelsysteme der EU gestalten, wurden vor Jahrzehnten gesetzt und sind den modernen Herausforderungen nicht gewachsen. Ihr Fokus auf großflächige, hochspezialisierte und industrielle Landwirtschaft erscheint zunehmend veraltet. Seit der Jahrhundertwende müssen wir neue Prioritäten setzen. Die Landwirtschaft und der Lebensmittelsektor müssen heute nicht nur eine ausreichende Menge an Kalorien bereitstellen, sondern auch qualitativ hochwertiges, vielfältiges und nahrhaftes Essen. Kleinbäuerliche Betriebe brauchen dringend Unterstützung, weil sie einen wertvollen Beitrag zur Landschaftspflege, zur ländlichen Entwicklung und zur Erhaltung der Ökosysteme leisten. Nur eine koordinierte Gemeinsame Lebensmittelpolitik, die neue Herausforderungen konsequent angeht, kann die Trägheit des Systems überwinden.

    4. Förderung einer langfristigen Transformation

    Die politische Neuausrichtung auf eine nachhaltige Landwirtschaft erfordert eine grundlegende Umgestaltung unserer Lebensmittel- und Landwirtschaftssysteme in einer Weise, die die biologische Vielfalt, die Ökosysteme und die Lebensgrundlagen der Bauern wiederherstellt und erhält. Dazu müssen chemische Inputs endgültig aus dem Ackerbau verschwinden. Nutztiere gehören auf Weiden und müssen mit lokal produziertem Futter gefüttert werden, statt die umweltschädlichen Sojaimporte fortzuführen. Der Wandel im Landwirtschaftssektor muss parallel dazu mit Veränderungen bei Vertrieb, Handel und Konsum einhergehen. Dies kann nur im Rahmen einer langfristigen, integrierten Strategie mit klarer Ausrichtung, mehrjährigen Zielen und regelmäßiger Überprüfung von Erfolgsindikatoren geschehen. Und es kann nur geschehen, wenn wir über das kurzfristige Denken in Wahlzyklen hinausgehen und eine parteiübergreifende Vision für die kommenden Jahrzehnte aufbauen.

    5. Wiederbelebung von Ernährungsdemokratie und Wiederherstellung der Legitimität

    Zunehmend versuchen Bürger, die Kontrolle über die Lebensmittelsysteme zurückzugewinnen. Ernährungsdemokratie ist sowohl Selbstzweck (also ein Weg zur Vertiefung der Demokratie) als auch ein Mittel, um sicherzustellen, dass die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik und andere politische Prozesse nicht allein von mächtigen Wirtschaftsakteuren dominiert werden. Durch eine Ausweitung des Fokus von Agrar- auf Lebensmittelpolitik und durch den Aufbau lokaler sowie überregionaler Initiativen kann eine gemeinsame Lebensmittelpolitik das wachsende Engagement der Menschen für ihr Essen nutzen. Dies kann auch dazu beitragen, die Legitimität der EU-Politik wiederherzustellen.

    Aus diesen fünf Gründen ist eine Lebensmittelpolitik für Europa eine dringende Priorität. Plan A - die GAP-Reform - dürfte hinter den Erwartungen zurückbleiben. Den Plan B stellt eine Gemeinsame Lebensmittelpolitik dar, den die Zivilgesellschaft, die EU-Bürger und -Bauern erwarten. Sie reagiert auch auf die von der österreichischen Nachhaltigkeitsministerin Elisabeth Köstinger geforderte "rücksichtslos" zu diskutierende Reformvision, die die GAP mit der Klimaagenda in Einklang bringen sollte.

    Wir haben die Möglichkeit, die Gemeinsame Agrarpolitik, die aus heutiger Sicht ein großes Problem darstellt, in eine wesentliche und bedeutende Lösung zu verwandeln. Eine Gemeinsame Lebensmittelpolitik würde agrarpolitische Maßnahmen miteinander in Einklang bringen und zugleich die Herausforderungen, vor denen wir stehen, und die Wünsche der EU-Bürger berücksichtigen. Dies kann zur Wiederbelebung des europäischen Projekts beitragen.

    Europa braucht eine Gemeinsame Lebensmittelpolitik.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2018-12-26 17:50:10
    Letzte Änderung am 2018-12-26 18:37:17


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