• vom 10.01.2019, 11:30 Uhr

Gastkommentare

Update: 10.01.2019, 13:19 Uhr

Gastkommentar

Der Scheinheiligkeit widerstehen




  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (18)
  • Drucken
  • Leserbrief





So weit meine persönliche Sichtweise - aber um die geht es im Tierschutzvolksbegehren nicht, auch wenn ich sein Initiator bin. Das Volksbegehren versteht sich als Abbildung der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung und nicht als Kondensat der persönlichen Befindlichkeiten der an dieser Initiative Mitwirkenden. Das Volksbegehren ist die Bündelung und Verstärkung der Ansichten der Vielen gegenüber der Politik - und nicht der eigenen Meinung gegenüber unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Das mag manche enttäuschen, ist aber Grundidee und Zweck eines Volksbegehrens. Dieses wertvolle direktdemokratische Instrument darf nicht von Einzelmeinungen dominiert werden - auch nicht derer, die es maßgeblich tragen. Das ist meine feste Überzeugung.

Weder Verbot der Schlachtung noch Fleischverzicht gefordert
Es gibt aber auch einen anderen Grund, wieso meine Sichtweise, selbst wenn sie von vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern geteilt wird, nicht Niederschlag in den Forderungen finden kann. Wir streben kein Verbot der Schlachtung an und werden keinen Fleischverzicht predigen. Wir werden darauf hinweisen, was mit unserer Lebensweise verbunden ist, welche negativen Auswirkungen die industrielle Fleischerzeugung auf Tiere, Natur und Klima, auf unsere Gesundheit und nachfolgende Generationen hat.

Aber wir sind nicht die Gruppe der erhobenen Zeigefinger, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die einen Schritt vorankommen möchten; die Verbesserungen im Umgang mit Nutztieren erwirken wollen, mit der erforderlichen Vehemenz, aber auch mit dem nötigen Pragmatismus, den gesellschaftlicher Fortschritt immer bedingt.

Wenn wir die Schlachtung nicht verbieten wollen, den Fleischkonsum nicht bewerten und auch nicht die Grundsatzfrage stellen, ob es legitim ist, Tieren das Leben zu nehmen und ihre Körper zu essen, dann dürfen wir uns auch nicht zu einer Debatte rund ums Schächten verleiten lassen. Wir dürfen es nicht, weil wir sonst scheinheilig wären. Es wäre heuchlerisch, den oft missglückten und daher leidbehafteten Bolzenschuss ins Hirn als "human" zu bezeichnen, aber die veterinärmedizinisch kontrollierte Post-Cunning-Methode als Barbarei zu verteufeln. Es wäre heuchlerisch, die toten Ferkel, die als "Abfallprodukte" der industriellen Produktion in Mülleimern landen, auszublenden, aber den Schächtschnitt als Gipfel der Tierquälerei zu verdammen. Nein, wir sind keine Heuchler und lassen uns daher, wider die eigene Emotionalisierung, nicht dazu hinreißen, uns an dieser Debatte zu beteiligen.

Einladung und Aufforderung zur Beteiligung
Aber - und dieses Aber ist wichtig! - es muss sich etwas ändern. Denn es gibt eine Ausbreitung der illegalen Schächtung als Resultat der Zuwanderung und einen eklatanten Mangel an Kontrollen, mit furchtbaren Folgen für die Tiere. Wenn in Hinterhöfen oder auf Wiesen vermehrt Tiere malträtiert werden, dann müssen wir entschieden handeln. Es darf keine falsch verstandene Toleranz gegenüber Menschen geben, die intolerant gegenüber unseren Gesetzen sind. Diesen Diskurs werden wir also führen, weil wir ihn führen müssen. Ungeachtet des ideologischen Hintergrunds und des Verständnisses für "kulturelle Eigenheiten".

Daher wird die Stärkung des amtlichen und zivilgesellschaftlichen Tierschutzes sowie die Verbesserung des Gesetzesvollzugs einen maßgeblichen Bestandteil unserer Forderungen darstellen. Damit Schluss gemacht wird mit der Ausbreitung illegaler Praktiken. Wenn wir das schaffen, haben wir viel erreicht. Dabei sollten wir alle an einem Strang ziehen. Wir wollen daher die Einladung und Aufforderung an alle Bevölkerungsgruppen richten, sich zu beteiligen. Der Schutz der eigenen Freiheiten ist zu wenig. Die Unterstützung, die sich Minderheiten in Demokratien zu Recht von der Mehrheit erwarten können, müssen sie ihr in wichtigen demokratischen Fragen auch umgekehrt zuteilwerden lassen.

Daher abschließend in aller Deutlichkeit: Nein, das Tierschutzvolksbegehren wird kein Schächtverbot fordern. Die jüdische Gemeinschaft in Österreich kann beruhigt sein, dafür garantiere ich persönlich. Und wir können ihr auch versichern, dass wir immer an ihrer Seite stehen werden, wenn das nächste Mal wieder ein Tierschutzthema missbraucht wird, um sie unter Druck zu setzen. Aber das Tierschutzvolksbegehren wird ihre Unterstützung brauchen. Und die möchte ich an dieser Stelle im Namen der Vielen auch von ihr einfordern.

Zum Autor

zurück zu Seite 1




6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-09 15:14:21
Letzte Änderung am 2019-01-10 13:19:55


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Eine Geschichte des Versagens
  2. Von Mördern und Opfern
  3. Trumps Mauerbau
  4. Verlust der Wahrheit
  5. Wo bleiben die Neuen?
Meistkommentiert
  1. Rasend vor Wut
  2. Trumps Mauerbau
  3. Alles nur Theater?
  4. Verlust der Wahrheit
  5. Von Mördern und Opfern


Werbung