• vom 11.01.2019, 15:56 Uhr

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Update: 11.01.2019, 15:59 Uhr

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Österreich und seine Muslime




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Von Abualwafa Mohammed

  • Man vermisst ein vollständiges Konzept für einen europäischen Islam.

Abualwafa Mohammed ist aus Ägypten stammender islamischer Theologe, Imam sowie Interkultureller und Religionspädagoge (www.abualwafa.at).

Abualwafa Mohammed ist aus Ägypten stammender islamischer Theologe, Imam sowie Interkultureller und Religionspädagoge (www.abualwafa.at).© privat Abualwafa Mohammed ist aus Ägypten stammender islamischer Theologe, Imam sowie Interkultureller und Religionspädagoge (www.abualwafa.at).© privat

Werden die Länder mit muslimischer Mehrheit betrachtet, so ist deutlich zu erkennen, dass sich viele "Versionen" des Islams auffinden lassen. Jedes Land hat seine Besonderheiten bezüglich kultureller Prägungen, Traditionen und muslimischer Orthopraxie. Dabei variieren jedoch nicht die islamischen Grundsätze, sondern lediglich die Art der Religionsausübung, die von kulturellen und traditionellen Aspekten beeinflusst wird. Die Besonderheiten des Islams in den Golfstaaten sind damit anders als in der Türkei, im Iran, in Ägypten oder in anderen Ländern.

Der Islam weist diese Flexibilität auf, die theologisch begründet ist. Beispielsweise lernte ich während meiner theologischen Ausbildung an der Al-Azhar, dass es ältere Regelungen der schafiitischen Rechtsschule gibt und neuere Regelungen, die selbstverständlich nebeneinander bestehen konnten. Imam Muhammad al-Schafii (767 bis 820), einer der bedeutsamsten islamischen Gelehrten, hat seine schafiitische Rechtsschule im Irak entwickelt. Nach seinem Umzug nach Ägypten führte er Veränderungen und Anpassungen durch. Dadurch wurde das Nebeneinander alter und aktualisierter Regelungen gemäß den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten möglich.

Das islamische Zentrum in Wien.

Das islamische Zentrum in Wien.© apa/Herbert Neubauer Das islamische Zentrum in Wien.© apa/Herbert Neubauer

Politik und Religion

Die Politik und die politischen Führungen bleiben nicht dieselben, sondern - wie sich im Laufe der Geschichte erwiesen hat - verändern sich und lösen einander ab. Daher soll das Thema Islam unabhängig von diesen wechselhaften Faktoren in Ruhe angegangen werden. Viele reden von einem Islam österreichischer, auch europäischer Prägung oder einer islamisch-österreichischen Identität beziehungsweise von einem - wie vor Jahren von Professor Richard Potz mit einer übrigens schönen Benennung so bezeichneten - vorbildlichen "Donau-Islam". Unklar bleiben jedoch das Ausmaß seiner Präsenz, seine Rahmenbedingungen, Glaubenspraxis und Normen sowie nicht zuletzt seine Theologie.

Man vermisst tatsächlich ein vollständiges Konzept für einen europäischen Islam. Selbstverständlich sind die europäischen Werte und Normen wichtige humanistische Werte: Menschenrechte, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, die mit dem Islam im Einklang sind und die Basis einer solchen Theologie sein sollten. Dennoch gibt es eben noch keine Definition dieses Islams.

Von der Diaspora . . .

Wir haben in Österreich eine Reihe verschiedener Vereine, die alle dem Islam zugeordnet werden. Viele der Verbände sind ethnisch organisiert und mit den jeweiligen Heimatländern verbunden. Das ist schön, gut und eine Bereicherung für das österreichische Kulturleben und diese Vereine können Brücken bauen - sie sollen sich auch im Sinne ihrer Kultur und für einen kulturellen Austausch mit Österreich einsetzen. Sie sind damit Kultur- oder Fördervereine. Der Islam soll jedoch nicht davon abhängig sein oder damit durchmischt werden. Die "Diaspora" verschiedener Länder, die noch mit der Politik dieser Länder, gleich welcher Provenienz, verbunden sind, sollen nicht das Bild des Islams beeinflussen bzw. ausmachen oder prägen. Eines Islams, der für Menschenrechte, offene Gesellschaften und für die Gleichstellung von Mann und Frau steht, spirituelle Schönheit und gemeinsame Werte vertritt.

. . . zum österreichischen Islam

Eine solche Prägung des Islams durch die Diaspora hilft nämlich der großen Mehrheit der Muslime in diesem Land nicht dabei, den österreichischen Islam zu finden. Dessen Fragen und Herausforderungen sind mit Sicherheit vielfältig und groß, aber ein österreichischer Islam, ohne die Muslime miteinzubeziehen und davon zu überzeugen, wäre eine Art Fantasie, eine Ressourcen- und Zeitverschwendung.

Es ist das Recht Österreichs, Vertrauen in seine Muslime aufbauen zu können. Ebenso ist es das Recht der österreichischen Muslime, ihr Heimatland wertzuschätzen und auch von diesem wertgeschätzt zu werden. Es ist aber vor allem notwendig und das Recht allerbeider, einen österreichischen Islam zu bilden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-11 11:29:25
Letzte Änderung am 2019-01-11 15:59:59


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