• vom 11.01.2019, 11:15 Uhr

Gastkommentare

Update: 11.01.2019, 11:33 Uhr

Gastkommentar

Wie viel ist ein Mensch wert?




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Von Franz Schandl

  • Wir agieren in einem Betriebssystem, in dem es längst nicht mehr darum geht, was wir wollen, sondern was wir müssen, um am (Arbeits-)Markt zu bestehen.



Um in der Ökonomie überleben zu können, müssen wir schneller, eifriger, umtriebiger, verschlagener, effektiver sein. Alle Kompetenzen sind diesen Imperativen unterzuordnen. Die Frage "Was will ich?" geht in der Frage "Was muss ich?" unter. Wir haben zu müssen. Darin liegt unsere Freiheit: sich am Markt zu verdingen.

Wir agieren in diesem Betriebssystem, nicht immer freiwillig, aber doch willig. Der Zwang zum Komparativ ist konstitutionell und konventionell. Das Mehr ist hier eine Frage des Prinzips und nicht der jeweiligen Situation. Dieser Zwang zum Mehr nimmt Größe nicht in ihren sozialen oder ökologischen Kontexten wahr, sondern ist fixiert auf Wachstum. Es gilt Absätze zu steigern und Gewinnspannen zu erhöhen. Das Quantum folgt den Kriterien des Kommerzes.

Klar und deutlich ist die Vorgabe: Wir haben uns zu verwerten. Dazu ist es nötig, sich permanent zu optimieren, zu bestehen im Kampf gegen die anderen. Wollen wir den Arbeitsplatz, den Standort oder die Kundschaft erhalten, haben wir uns entsprechend zu verhalten. Andauernd müssen wir uns upgraden und updaten, um auf dem erforderlichen Level mitspielen zu dürfen. Selbstoptimierung wird zur Pflicht. Sie ist nicht innerer Modus, sondern äußerer Stachel. Es gilt konkurrenzfähig zu werden oder zu bleiben: "Du hast alles aus dir rauszuholen!" Ausschöpfen ist angesagt. Dafür burnen wir, gelegentlich, ja zunehmend bis zum Out.

Franz Schandl ist Historiker und Publizist in Wien sowie Redakteur der "Streifzüge" (www.streifzuege.org).

Franz Schandl ist Historiker und Publizist in Wien sowie Redakteur der "Streifzüge" (www.streifzuege.org).© privat Franz Schandl ist Historiker und Publizist in Wien sowie Redakteur der "Streifzüge" (www.streifzuege.org).© privat

Der Taylorismus regiert ungebrochen. Was die Effizienz stört, stört. Optimiert heißt etwa für eine Verkäuferin in ihrem Job, keine Stehzeiten oder Ruhephasen mehr zu kennen; optimiert heißt, dass ihre Arbeit sich stets verdichtet. Jede Minute wird ausgenutzt, das heißt, die Arbeitskraftträgerin wird voll ausgenutzt. Davon will die Ökonomie nichts wissen, Folgeschäden werden externalisiert, sind keine unmittelbaren Produktionskosten, sondern Reproduktionskosten.

Diese Direktiven erhöhen allerdings nicht bloß die allseits glorifizierte Leistung, den Ausstoß, die Anstrengung; nein, sie erhöhen auch Blutdruck und Blutzucker, multiplizieren Arztbesuche, Drogenzufuhr und Alkoholkonsum, lassen Leberwerte steigen, führen zu Stress, Angst und Durchfall, zum Verlust der Lust und der Potenz. Kurzum: Sie entziehen Lebenskräfte durch Subordination unter die Erforderlichkeiten des Marktes. Andererseits multiplizieren sie auch wiederum die Zahlungsereignisse, die sich als Positiva im Bruttosozialprodukt niederschlagen. Bilanzen denken wir ja monetär.

Betrachten wir es von dieser Seite, sprechen wir also an, was sonst vergessen wird, dann sieht das "Mehr" auf einmal ziemlich irr aus. In diversen Varianten verunglücken die Menschen an den Komparativen; ja, es verunglückt der Komparativ auch schon selbst. Man denke nur an den Stau, der sich besonders deutlich im Verkehr (aber nicht nur dort) äußert. Der Stau kann überhaupt als eine allgemeine Metapher angesehen werden, wo die Menge mit Raum und Zeit kollidiert.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-11 11:29:31
Letzte Änderung am 2019-01-11 11:33:28


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