• vom 01.02.2019, 10:00 Uhr

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Update: 04.02.2019, 10:59 Uhr

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Nie wieder Zinsen




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Von Christian Ortner

  • Warum die Sparer auch in den nächsten Jahren enteignet werden und welche üblen Folgen das haben wird.



Es ist jetzt gerade einmal drei Monate her, dass Ewald Nowotny, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank und deren Vertreter in der Europäischen Zentralbank (EZB), endlich einmal gute Nachrichten für die Sparer hatte. Anlässlich des Weltspartages 2018 gefragt, wie sich die Zinsen 2019 entwickeln würden, antwortete er: "Mit ersten Zinserhöhungen kann im Herbst 2019 gerechnet werden." Das wäre für die Sparer, die seit bereits einem Jahrzehnt praktisch keine Zinsen mehr für ihre Einlagen bekommen und daher Jahr für Jahr rund 2 Prozent ihrer Ersparnisse verlieren - also quasi eine Sparbuchsteuer zahlen müssen -, in der Tat höchst erfreulich. Leider spricht viel dafür, dass Nowotny die Lage nicht ganz richtig eingeschätzt hat, und die EZB auch heuer die Zinsen nicht anheben wird. Mehr noch: Immer mehr deutet darauf hin, dass auch auf längere Sicht in der Eurozone nicht damit gerechnet werden kann, dass wieder so etwas wie Normalität einkehrt, und Sparen wieder mit Zinsen belohnt wird. Ganz im Gegenteil: Die Abschaffung der Zinsen könnte so etwas wie das "Neue Normal" werden.

Die Gründe sind relativ klar: Würde die EZB die Zinsen anheben, drohte ein Kollaps der Anleihemärkte und damit vieler Banken, den überschuldeten Staaten ginge angesichts steigender Zinszahlungen die Luft aus, und auch viele private Unternehmen könnten ohne Kredit zum Nulltarif nicht überleben. Das wird EZB-Chef Mario Draghi, dessen Mandat im Oktober endet, nicht riskieren wollen. Damit aber sitzt die EZB in der Zinsenfalle, die sie selbst gebastelt hat. Und aus der sie vor allem deshalb nicht mehr herauskommt, weil Staaten und Banken ihre Schuldenprobleme nicht gelöst haben. Langfristig wird das erhebliche Schäden verursachen.


Am besten sichtbar ist die weitere Enteignung der Sparer zugunsten der Kreditnehmer. Das wird früher oder später zu einer Veränderung der Mentalität der Gesellschaft führen: weg von Eigenverantwortung, Vorsorge und Besitz hin zu einer rein kreditgestützten "Gesellschaft auf Pump" mit all ihren Defiziten, Abhängigkeiten und Dysfunktionalitäten. Wesentlich erleichtert wird durch dieses "Neue Normal" auch eine Politik der Enteignung unserer Kinder und Kindeskinder im Wege immer neuer Staatsschulden, die bei Nullzinsen natürlich viel einfacher ist. Dazu kommt, dass in einer Welt ohne Zinsen Unternehmen und Investoren Risiken nicht mehr korrekt bewerten können und müssen, was zu großen Fehlinvestitionen führen wird.

Auf der anderen Seite werden Sparer, die nicht enteignet werden wollen, ins Risiko gedrängt - mit ähnlichen Konsequenzen. "Diese Effekte und die längerfristigen Folgen werden von der EZB völlig ignoriert", warnte jüngst der frühere EZB-Chefvolkswirt Jürgen Starck. "Die EZB ist damit längst selbst zu einem Risiko für die Finanzstabilität geworden." Wenn es blöd kommt, wird sich das schneller erweisen, als es den Anschein hat. Denn sollte die Eurozone heuer oder 2020 in eine Rezession rutschen, würde sich zeigen, dass Europas Zentralbank, weil sie in Wahrheit jahrelang Beihilfe zur Konkursverschleppung mit Hilfe der Nullzinsen betrieben hat, nun mit verschossenem Pulver dasteht. Die Folgen will man sich lieber nicht vorstellen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-31 17:26:50
Letzte Änderung am 2019-02-04 10:59:48



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