• vom 19.04.2006, 00:00 Uhr

Gastkommentare


Gastkommentar von Tarafa Baghajati

Auch im Islam: Kein Zwang in der Religion!




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  • Zu Recht beanspruchen die Muslime Österreichs für sich als anerkannte Religionsgemeinschaft die gleichen Rechte, Gleichbehandlung und uneingeschränkte Freiheit der Ausübung ihrer Glaubenspraxis. So problematisch das Prinzip der Reziprozität ist, indem mit der Formel, "Solange Christen in Teilen der islamischen Welt unterdrückt sind, sollen die Muslime in Europa nicht lautstark für ihre Rechte eintreten", Sippenhaftung betrieben würde, entbindet dies Muslime nicht von der Verpflichtung, die Menschenrechtssituation in vielen islamischen Ländern kritisch zu hinterfragen.

Ein Anlass dazu war ein in seiner Heimat mit einem Todesurteil bedrohter, zum Christentum konvertierter Afghane. Aus rein menschlicher Sicht sind derartige drastische Einschränkungen der Religionsfreiheit ohne Wenn und Aber abzulehnen. Aus theologischer Sicht stehen derartige Urteile nicht im Einklang mit dem Koran, der "Kein Zwang in der Religion!" vorschreibt. Nirgendwo ist eine Belegstelle zu finden, die eine diesseitige Strafe für jene, die ihre Religion verlassen, vorsieht.


Die islamische Geschichte und Literatur sind reich an Beispielen von Leuten, die der islamischen Lehre den Rücken kehrten, ohne dass ihnen irgendeine Gefahr drohte. Die Geschichten von Abu-Nuuas und seiner Liebe zum Wein, aber auch seine homosexuellen Neigungen füllen Bücher mit Anekdoten, etwa dass seine Familie ihn mit einer der schönsten Frauen verheiratete, er aber schon in der Hochzeitsnacht einen Freund vorzog.

Auch heute ist die Praxis nicht von Schwert und Blut gekennzeichnet. Der Bekannte zeitgenössische Philosoph und Religionskritiker Jalal Sadiq Al-Azm verkehrt jeden Tag auf den Straßen Damaskus und bereist die arabischen Länder und die islamische Welt, ohne dass Leibwächter gebraucht werden.

Aber wie kann es dann zu Auslegungen kommen, die mit der Todesstrafe drohen? Hier liegt es ein Hauptmissverständnis darin, dass zwischen dem schlichten persönlichen Religionswechsel und einem für die Gesellschaft folgenschweren Entscheid, sich gewalttätig gegen die Gemeinschaft betätigen zu wollen, nicht unterschieden wird. Urteile werden so mit der Begründung getroffen, dass hier der "Konvertierte" sich zu einem Hauptfeind im militärischen Sinne deklariert hat und somit als Hochverräter die Strafe verdient.

Ein Todesurteil bei Religionswechsel wie im Falle des Afghanen abzulehnen, ist keine "liberale" Interpretation, sondern die Haltung vieler moderner Gelehrter, auch wenn sie durchaus dem eher konservativen Lager angehören.

Auf alle Fälle ist ein innermuslimischer Dialog über Verurteilungen zum Tode vonnöten. Die islamische Weltkonferenz könnte dann diesbezüglich eine von den maßgeblichen Autoritäten in der islamischen Welt getragene offizielle Haltung zeigen.

Tarafa Baghajati ist Vizepräsident des European Network against Racism und Mitgründer der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen.



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Dokument erstellt am 2006-04-19 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-04-18 18:42:00


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