• vom 21.08.2012, 18:20 Uhr

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Juden

Die "Judennase" ist Schmonzes, der Davidstern zählt




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Von Clemens M. Hutter

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  • Mit dem Zerrbild des hakennasigen, glatzköpfigen und feisten Juden setzt die FPÖ auf antisemitische Reflexe.

Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland bei den "Salzburger Nachrichten".

Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland bei den "Salzburger Nachrichten".© Copyright 2008 Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland bei den "Salzburger Nachrichten".© Copyright 2008

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wehrt die Kritik an einer antisemitischen Karikatur der FPÖ gekonnt fehlschlüssig ab: "Sachen gibt es. Manchmal verliert man völlig den Glauben an die Vernunft des politischen Mitbewerbers und mancher Journalisten." Nun statt Glauben das Faktum: Die FPÖ hat die 50 Jahre alte Karikatur eines feisten, glatzköpfigen und ausbeuterischen Bankers um Davidsterne an den Ärmelknöpfen und die angeblich jüdische Hakennase ergänzt. Das entlarvt die Karikatur als antisemitische Absicht.


Der sechszackige Davidstern ist nicht nur seit 1897 Symbol des politischen Zionismus und seit 1948 im Wappen Israels, sondern auch als wertneutrales Hexagramm ein uraltes Abwehrzeichen gegen Dämonen. Man sieht es heute noch in Heimatmuseen an Wiegen oder Truhen. Das mag manchen Betrachter verwirren.

Symbol des Judentums ist der Davidstern, seit Prager Juden 1357 das Recht auf eine eigene Fahne bekamen und später das Hexagramm darauf setzten. In Wien markierten 1656 Steine mit Kreuz und Davidstern die Grenze zwischen jüdischem und christlichem Stadtteil. Im Zug der Aufklärung wählten emanzipierte Juden das Hexagramm zur religiösen Identifikation - wie Christen das Kreuz oder Muslime den Halbmond.

Allerdings wurde der Judenstern auch langsam zur Stigmatisierung der Juden. Dieser Prozess begann 1215 auf dem 4. Laterankonzil, das Juden eine diskriminierende Kleiderordnung vorschrieb. Dazu kamen später Vorschriften, dass Juden einen gelben Fleck oder Kreis an der Kleidung tragen müssten. Die erstmals 1903 erschienene Hetzschrift "Protokolle der Weisen von Zion" zierte in weiteren Auflagen das Cover mehrfach mit dem "Judenstern". Konsequent folgte daraus der "Gelbe Stern", den der Rassentotalitarist Adolf Hitlers am 1. September 1941 den Juden vorschrieb. Plakate zeigten diesen Stern und dazu den Text: "Wer dieses Zeichen trägt, ist ein Feind unseres Volkes." Wer also mit dem Davidstern karikiert, setzt auf antisemitische Reflexe.

Als der 20-jährige Hitler 1909 nach Wien kam, infizierte er sich mit dem widerwärtigen österreichischen Antisemitismus in religiöser, wirtschaftlicher, rassistischer oder politischer Form - siehe etwa Lanz von Liebenfels, Georg von Schönerer oder Karl Lueger. Aus diesen trüben Quellen bezog seit 1923 "Der Stürmer" das Gift seiner Hasstiraden gegen die Juden - mit Auflagen um die 600.000 Stück in den 1930ern. In dieses Naziblatt hätte die FPÖ-Karikatur gepasst.

An Karikaturen des Judentums wagten sich bisher nur muslimische Hetzer - gegen ein Volk, das im
20. Jahrhundert eine Dezimierung erlitten hat wie kein anderes. Dieses Spiel macht die FPÖ mit. Und FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky führt die Öffentlichkeit auch noch an der Nase vom brisanten Davidstern weg: Die Nase des Karikierten "zwanghaft als jüdisch zu interpretieren ist völlig absurd und diffamierend und in Wirklichkeit antisemitisch." Diese banale Nase dient nur zur Ablenkung, denn allein der Davidstern zählt. Er entlarvt den antisemitischen Hintersinn.




Schlagwörter

Juden, Davidstern, FPÖ, Adolf Hitler

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Dokument erstellt am 2012-08-21 18:26:09


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