• vom 02.04.2014, 17:11 Uhr

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Venezuela ist Lateinamerika-Meister in Korruption




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Von Clemens M. Hutter

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  • Der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" verminderte zwar die Arbeitslosigkeit, vermehrte aber das "Prekariat" und scheiterte wirtschaftspolitisch.

Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland der "Salzburger Nachrichten".

Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland der "Salzburger Nachrichten". Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland der "Salzburger Nachrichten".

Venezuela schwimmt auf 32.000 Millionen Tonnen Erdölreserven und hält damit Rang zwei hinter Saudi-Arabien, im Erdölexport liegt es auf Platz zehn, die Kapazität der Raffinerien reicht aber nur für Rang 18. Die vom verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez verstaatlichte Erdölindustrie erwirtschaftet immerhin 96 Prozent der Exporterlöse und deckt gut die Hälfte des Staatsbudgets. Sie sitzt auf 30 Milliarden Euro Schulden, braucht aber bis 2019 rund 190 Milliarden Euro, um die Förderung und Verarbeitung von Erdöl zu modernisieren und den Rückgang der Produktion um ein Viertel seit 2006 abzufangen.

Andrerseits hat der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" unter Chávez rund 65 Milliarden Euro in den Wohnbau gesteckt, um Slumbewohnern eine menschenwürdige Bleibe zu verschaffen. So fiel zwar die Arbeitslosigkeit von 49 auf 15 Prozent, aber das "Prekariat", das unterhalb der Armutsgrenze überleben muss, stieg auf 55 Prozent. Chávez verteilte auch Millionen enteigneter Hektar Land unter landlosen Bauern, die aber ohne Kapital und Saatgut so wenig produzieren, dass Venezuela 70 Prozent der Lebensmittel importieren muss.


Laut Transparency International ist Venezuela Lateinamerikas korruptester Staat. So feuerte Chávez tausende Erdölexperten und ersetzte sie durch inkompetente Parteigänger. Rigorose Kontrollen der Löhne, Preise und des Devisenhandels begünstigen maßlose Korruption mit dem Ergebnis, dass der Dollar auf dem Schwarzmarkt das Zehnfache des amtlichen Wechselkurses kostet, die Inflation 56 Prozent erreicht hat und Mangel an Lebensmitteln herrscht.

Trotz dieser Misere praktiziert der neue Präsident Nicolás Maduro wie sein Vorgänger Chávez "sozialistische Solidarität" vor allem mit Kuba - nach dem Leitmotiv "Ärzte für Öl". Kuba deckt seinen hohen Bedarf an Erdöl zu 60 Prozent aus Venezuela und bezahlt dafür binnen 90 Tagen den halben Marktpreis, der Rest ist ohne Termin gestundet. Als "Entgelt" für diesen Gunsterweis schickte Kuba bis jetzt mindestens 20.000 Ärzte sowie ideologisch astreine Lehrer und Sicherheitsexperten nach Venezuela, dessen Verwaltungsapparat von Kubanern durchsetzt ist.

Die von Venezuelas Eliten beständig missachteten Armen verschafften Chávez nicht nur Wahlsiege mit durchschnittlich 60 Prozent, sondern auch Siege in Volksabstimmungen, etwa über eine "sozialistische" Verfassung, die Chávez die unbegrenzte Wiederwahl und Regieren per Dekret gestattete. Maduro kam bei den jüngsten Wahlen nur knapp über 50 Prozent. Er sitzt dennoch gut im Sattel, weil die Opposition heillos zerstritten ist. Allerdings gärt es im Land. Im Februar begannen Studentendemonstrationen, in deren Verlauf bisher knapp drei Dutzend Personen getötet wurden. Doch nicht nur die "Intelligenz" meutert. Es mehren sich auch die Demonstrationen der "leeren Kochtöpfe".

Armee, Polizei und Sicherheitsorgane stehen dank opulenter Privilegien loyal zu Präsident Maduro. Auch sind die Konservativen und die Liberalen für die Massen keine politische Alternative.

Venezuelas Probleme bündelt die Mundpropaganda: Der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" sei Planwirtschaft ohne Plan und Marktwirtschaft ohne Markt.




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Dokument erstellt am 2014-04-02 17:14:05


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