• vom 08.07.2014, 16:50 Uhr

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Im Zweifel gegen ein Burka-Verbot




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  • Ingrid Thurner
  • Niemand darf einer Frau die Verhüllung aufzwingen - und niemand darf sie ihr verwehren.

Die Debatte um ein Verbot der weiblichen Ganzkörperverhüllung in der Öffentlichkeit ist dominiert von ethnologischer Unkenntnis, historischen Wissenslücken, hastig zusammengegoogelten Erläuterungen und an den Haaren herbeigezogenen Argumenten. Sie hat viele Mitwirkende, selbsternannte Fachleute, wohlmeinende Feministinnen, rechts stehende Parteien und ihre medialen Sprachrohre.

Nicht thematisiert werden die Wünsche und die Bedürfnisse derjenigen, die selbst ein solches Kleidungsstück tragen könnten - die gesamte Diskussion findet nämlich nahezu unter Ausschluss von Musliminnen statt. Zur Verdeutlichung von Standpunkten sind sie auf soziale Netzwerke und Blogs verwiesen, auf Druckwerke mit geringen Auflagen oder beschränkten Zielgruppen.


Mag sein, dass die Vollverschleierung von "patriarchischen Stammesführern entworfen" ist (wie Clemens Neuhold in seinem Kommentar "Im Zweifel für ein Burka-Verbot" schreibt - "Wiener Zeitung" vom 5./6. Juli). Aber sie ist kein "Gesellschaftsmodell aus dem 7. Jahrhundert" (Zitat Hans Rauscher - "Standard", 5. Juli), zu Lebzeiten des Propheten Mohammed gab es dergleichen Kleidung nicht. Sie ist in ihrer heutigen Ausprägung eine Erscheinungsform des auslaufenden 20. und des 21. Jahrhunderts.

Die Befürworter des Verbots behaupten, dass Ganzkörperverschleierung die Frauen unterdrücke. Aber bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft kennt man keinen konkreten Fall von Zwang. Zwar kann man nicht ausschließen, dass irgendwo auf der Welt eine Frau oder Frauen gegen ihren expliziten Willen ein solches Kleidungsstück zu tragen haben. Aber diejenigen, die für das textile Verbot eintreten, nehmen von vornherein an, dass Frauen, die ihre Köpfe unsichtbar machen, von Männern dazu genötigt werden. Doch es sind nicht Männer, die den Trägerinnen die Verhüllung vorschreiben. Praktizierende Musliminnen sind des Glaubens, dass Gott ihre Bedeckung fordere. Allenfalls kommen da noch Traditionen und Gewohnheiten zum Tragen.

Da sollen durch ein Verbot Frauen vorgeblich befreit werden, die nicht um ihre Meinung gefragt wurden, die nicht befreit werden wollen, weil sie sich nicht unterworfen fühlen. Plötzlich gebärden sich rechtsgerichtete Personen und Parteien als Kämpfer für Frauenrechte, die sich sonst keinen Deut um Geschlechtergleichstellung scheren: gegen Binnen-I, gegen Töchter in der Hymne und gegen Kopfverhüllungen. Heinz-Christian Strache als Befreier von Frauen!

"Würde eine Schülerin, die der Burka bis zum Ende der Schulpflicht entkommt, sich diese noch überstreifen lassen?", fragt Clemens Neuhold. Die Antwort lautet: Ja. Gar nicht so wenige Frauen entscheiden sich im Jugendlichen- und Erwachsenenalter dazu, darunter bekanntlich Konvertitinnen. Zuweilen ist die neue Frömmigkeit zwar von kurzer Dauer, aber jedenfalls, sie "lassen" sie sich nicht überstreifen, sie tun es selbst.

Normalerweise ist ein Verbot das Gegenteil von Freiheit. Bloß wenn Frauen die Wahl haben, selbst zu entscheiden, sind sie frei. Niemand darf einer Frau die Verhüllung aufzwingen - und niemand darf sie ihr verbieten. Freiheit bedeutet Entscheidungsfreiheit.

Ingrid Thurner ist Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie und Mitglied der Teilnehmenden Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb) an der Universität Wien.




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Dokument erstellt am 2014-07-08 16:53:07


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