• vom 05.09.2014, 18:20 Uhr

Gastkommentare

Update: 05.09.2014, 22:29 Uhr

Isolde Charim

Ninotschka hat ausgedient




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Von Isolde Charim

  • Gastkommentar von Isolde Charim
  • Vom Ende des westlichen Traums.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Es gab einmal einen Traum vom Westen. Etwa im Film "Ninotschka". Paris 1939, drei sowjetische Genossen schwelgen im Luxus und vergessen darüber ihre Mission von der Weltrevolution. Der Traum erfüllt sich aber erst zur Gänze, als ihnen eine Kommissarin nachgeschickt wird: Greta Garbo als Inbegriff revolutionärer Askese. Sie ist immun gegen den materiellen Genuss. Wo sie aber nicht widerstehen kann, wo ihre revolutionäre Tugend versagt, das ist der "höhere" Genuss: die wahre Liebe. Die Liebe ist es, die sie "bekehrt" und ihren Asketismus besiegt.

Das ist eine Kalte-Kriegs-Erzählung von der Überlegenheit der westlichen Lebensform - eine Lebensform, die für alle Bedürfnisse etwas auf Lager hat. Tatsächlich war der Westen jahrzehntelang ein Sehnsuchtsort, das Versprechen von Glück und Genuss - für jene, die nicht darin lebten. Wobei "der Westen" dabei nicht sosehr eine geographische Kategorie, sondern mehr eine
Lebens-, bestenfalls eine politische Form meinte. Als solche fungierte er für die Menschen im Ostblock ebenso wie für jene im Nahen Osten. "Einst war der Westen chic", meinte der deutsch-irakische Schriftsteller Sherko Fatah. Einst waren Bagdad und selbst Kabul in diesem Sinne "westliche" Städte. Einst.


"Der" Westen - also die Vorstellung vom Westen, wie imaginär diese auch immer gewesen sein mag - hat 1989 eine massive Verschiebung erfahren. Vorher war es die Bezeichnung für jene Lebensform, die kapitalismustauglich war. Nach 1989 war sie das immer noch - zugleich hat aber "die" Linke (noch so eine Pauschalisierung) diese Lebensform verändert: Der Westen wurde zunehmend feministisch, homosexuell, pluralistisch, säkular, politisch korrekt, postkolonial. Zumindest partiell. Zumindest als Möglichkeit. Vor allem aber wurde er das für die Außenperspektive.

Eine markante Zäsur für die Vorherrschaft dieser Lebensform waren die "Schläfer" von 9/11. Die Schläfer haben den Mythos vom Westen, den Mythos vom guten Leben als Allheilmittel nachhaltig in Frage gestellt - indem sie ihm widerstanden haben. Jahrelang haben diese im Westen gelebt, ohne von der westlichen Zivilisation "infiziert" worden zu sein, ohne dass der westliche Way of Life sie "korrumpiert" und ihre "Mission" gelöscht hätte. Heute sind es die Dschihadisten, die - immun gegen die westlichen Glücksvorstellungen - aus ihren Kinderzimmern aufbrechen, um in den "Heiligen Krieg" zu ziehen. Ninotschka hat ausgedient. Die Verführungskraft des "Westens" ist dahin. Das ist ein tiefer gehender Vorgang als das Scheitern von Integration im sozialtechnischen Sinn. Es ist das Verwerfen von dem, was für die Vorherrschaft des Westens zentral war, das Verwerfen seines Traums. Seine Überlegenheit war nicht einfach eine ökonomische oder militärische, sondern wesentlich eine mentale: die Verführungskraft einer Glücksvorstellung.

Mit dieser Verwerfung wurde eine neue Demarkationslinie gezogen: ein "clash" der Kulturen, der gar nichts mit jenem von Samuel Huntington zu tun hat. Hier prallen nicht "der" Westen und "der" Islam aufeinander. Hier prallen nicht unterschiedliche Welten aufeinander, sondern unterschiedliche Arten, seine Welt zu bewohnen. Das ist die neue kulturelle Frontlinie. Sie verläuft quer durch alle Ethnien und Religionen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-09-05 16:05:06
Letzte Änderung am 2014-09-05 22:29:45


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