• vom 09.11.2009, 18:23 Uhr

Gastkommentare

Update: 09.11.2009, 18:24 Uhr

Gastkommentar der Wiener Historiker Maximilian Graf und Alexander Lass

Ein verdrängtes bilaterales Verhältnis: Österreich fungierte als Eisbrecher für die DDR




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  • In den letzten Wochen wurden wir medial aus Anlass der zwanzigjährigen Wiederkehr der Revolutionen des Jahres 1989 mit Informationen zum Fall der Berliner Mauer und zur deutschen Wiedervereinigung reichlich eingedeckt. Auch die österreichische Wahrnehmung des Mauerfalls und des Wiedervereinigungsprozesses wird nunmehr thematisiert.

Doch wie erinnert man sich heute an das Verhältnis zwischen Österreich und der DDR? Spricht man heute in Berlin mit ehemaligen DDR-Bürgern über ihre Erinnerung an Österreich, so treten zwei prägnante Erinnerungsbilder in etwa in der gleichen Häufigkeit zu Tage.


Die einen fragen sofort nach der "Roten Fini" und meinen damit Rudolfine Steindling, die Alleingesellschafterin der Novum GmbH; sie spielen damit auf das 1989/90 verschwundene Novum-Vermögen an, das bis heute nur zu Teilen wieder aufgetaucht ist. Andere wiederum erinnern sich an die großzügige Kreditvergabe vonseiten Österreichs sowie an die in der DDR durch Österreicher errichteten Industrieanlagen.

Das österreichische DDR-Bild scheint heute vor allem via Ungarn und Österreich in die BRD flüchtende DDR-Bürger, den darauf folgenden Mauerfall und die heute medial sehr präsente Stasi zu beinhalten. Erinnerungen gibt es zudem an die "Mauer" als Symbol des Kalten Krieges und der Teilung Europas sowie an den dort lange herrschenden "Schießbefehl".

Fast vergessen scheinen die Erinnerungen an das Verhältnis Österreichs zur DDR während ihres fast einundvierzigjährigen Bestehens.

Anerkennung 1972

Auch ergibt sich in der tieferen Recherche zum bilateralen Verhältnis zwischen der DDR und Österreich ein anderes Wahrnehmung- und Stimmungsbild: Unter dem Eindruck der Nichtanerkennungspolitik der BRD gegenüber der DDR - bekannt unter dem Namen "Hallstein-Doktrin" - gab es zunächst keine diplomatischen Beziehungen, wohl aber informelle Kontakte, staatlich getragenes humanitäres Engagement und Handelsbeziehungen unterhalb der staatlichen Ebene. Mit der in den 1960er Jahren einsetzenden Entspannungspolitik und der "neuen Ostpolitik" der BRD - eng verbundenen mit dem Namen Willy Brandt - änderten sich die Voraussetzungen grundlegend. Zwar unterstützte Österreich weiterhin die Politik der BRD und verweigerte der DDR zunächst noch die staatliche Anerkennung. Diese erfolgte dann jedoch bereits am 21. Dezember 1972, dem Tag der Unterzeichnung des deutsch-deutschen Grundlagenvertrags.

Einen ersten Höhepunkt in den zunächst schleppend anlaufenden bilateralen Beziehungen stellte die Unterzeichnung eines Konsularvertrags im Jahr 1975 dar.

Es handelte sich um den ersten derartigen Vertrag, den die DDR mit einem westlichen Staat abschließen konnte. Er erkannte die DDR-Staatsbürgerschaft - sehr zum Missfallen der BRD - ausdrücklich an. Die harsche westdeutsche Kritik konterte Bundeskanzler Bruno Kreisky, indem er klarstellte, dass man von Österreich nicht verlangen könne, in der DDR einen Staat ohne Staatsbürger zu sehen - noch dazu, wo die DDR Mitglied der Vereinten Nationen sei.

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Dokument erstellt am 2009-11-09 18:23:58
Letzte Änderung am 2009-11-09 18:24:00

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