• vom 18.02.2015, 14:00 Uhr

Gastkommentare

Update: 19.02.2015, 12:15 Uhr

Gastkommentar

Ja, Wohlstand ohne Wachstum ist möglich!




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Von Giorgos Kallis und Research & Degrowth

  • 10 Vorschläge für die Politik der Neuen Linken.

In unserem kürzlich erschienenen Buch "Degrowth. A Vocabulary for a New Era", zeigen wir auf, dass Wirtschaftswachstum in Industriestaaten immer schwieriger aufrechtzuerhalten, und gleichzeitig weder sozial noch ökologisch nachhaltig ist. Weltklima, Wohlfahrtsstaat und über lange Zeit gewachsener sozialer Zusammenhalt werden allerorts leichter Hand dem Wachstumswahn geopfert.

Theoretisch wird Wirtschaftswachstum gebraucht, um Schulden zu reduzieren, neue Arbeitsplätze zu schaffen oder die Einkommen der Armen zu erhöhen. In der Praxis blicken wir jedoch auf Jahrzehnte des Wachstums zurück und sind noch immer verschuldet; unsere Jugend ist arbeitslos und die Armutsraten sind so hoch wie eh und je. Ursprünglich einmal hatten unsere Nationen sich verschuldet, um zu wachsen; nun sind sie gezwungen zu wachsen, um unsere Schulden zu bedienen.


Degrowth ist der Aufruf, unsere soziale Vorstellungskraft von einer Ideologie zu befreien, in der unsere Zukunft eine allein auf Wachstum ausgerichtete Einbahnstraße ist. Degrowth ist deshalb keinesfalls dasselbe wie Rezession. Es ist vielmehr die Hypothese, dass Wohlstand auch ohne Wirtschaftswachstum möglich ist.

Mit anderen Worten: sinnstiftende Arbeit verrichten zu können, ohne auf unbegrenztes Wachstum angewiesen zu sein; einen funktionierenden Wohlfahrtsstaat zu erhalten, ohne dass die Wirtschaft jedes Jahr größer wird; sozialen Ausgleich zu schaffen und Armut zu beseitigen, ohne jährlich mehr und mehr Geld ansammeln zu müssen.

Degrowth stellt somit nicht nur die Ergebnisse und Auswirkungen des Kapitalismus infrage, sondern den ihm zugrundeliegenden Geist. Denn Kapitalismus kennt keine Grenzen, sondern nur Ausdehnung und Produktion, die gleichzeitig zerstört.

Degrowth bietet hier einen neuen Diskurs für eine  linke Bewegung, die über den Kapitalismus hinausgehen möchte, ohne die autoritäre oder produktivistische Praxis des real existierenden Sozialismus nachzubilden.

Gerade jetzt erfährt eine neue Linke – neu im Sinne von Ideen, aber auch in Bezug auf das junge Alter ihrer Mitglieder – in Europa großen Zuwachs; von Spanien und Katalonien bis nach Griechenland, Slowenien oder Kroatien. Aber wird diese Linke auch "grün" sein, und wird sie ein alternatives, kooperatives Wirtschaftsmodell vorschlagen, inspiriert von den Degrowth-Ideen? Oder wird diese neue Linke wie diejenige Lateinamerikas, angetrieben von den Forderungen des globalen Kapitalismus, dieselbe expansive Logik weiterführen, einfach multinationale Unternehmen durch staatliche ersetzen, und die "Brotkrumen" ein wenig besser an die breite Masse verteilen?

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Dokument erstellt am 2015-02-18 14:01:42
Letzte Änderung am 2015-02-19 12:15:41


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