• vom 27.09.2015, 15:50 Uhr

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Neue Brücken für Europa




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    Am 1. September hatte das syrisch-österreichische Tanzstück "InDignity" beim Politischen Symposium des Forum Alpbach Premiere. Seit Anfang des Jahres hatte ich mich, gemeinsam mit meinem in Damaskus lebenden Kollegen, mit dem fundamentalen Wert der Würde auseinandergesetzt. "Die große Mehrheit der Syrer möchte weder eine Diktatur noch Extremismus, sondern das, was wir alle möchten: Freiheit und Würde. Sie haben in den Medien kaum und auf dem politischen Parkett gar keine Stimme. Um eine nachhaltige Lösung zu finden, muss sich das ändern", schrieb ich in einem Op-ed zum Anlass der Premiere.

    Eine Woche später sollten genau diese Menschen aus eigener Kraft endgültig nicht nur ins mediale, sondern auch ins politische Rampenlicht rücken. Vier Tage nach der Alpbach-Premiere, an jenem 5. September, als es keine Zugverbindung mehr gab und die Autobahn gesperrt war, sollte ich zum Bridging Europe Festival nach Budapest reisen. Das Festival kommt wie gerufen, dachte ich mir, Europa braucht wirklich bessere Brücken! Statt ins Theater ging es zuerst zum Keleti-Bahnhof. Dort boten sich mir an jenem Abend, wie auch an den folgenden Tagen, ähnliche Bilder wie am Westbahnhof: Menschen halfen Menschen. Die Polizisten waren freundlich, und ich sah Flüchtlinge, die den freiwilligen Helfern, ehe sie in die Züge stiegen, die Hand schüttelten und "Thank you Hungary" sagten.

    "The Doll of Kokoschka" von Krisztian Gergye und Gloria Benedikt beim Bridging Europe Festival in Budapest. Dániel Dömölky

    "The Doll of Kokoschka" von Krisztian Gergye und Gloria Benedikt beim Bridging Europe Festival in Budapest. Dániel Dömölky "The Doll of Kokoschka" von Krisztian Gergye und Gloria Benedikt beim Bridging Europe Festival in Budapest. Dániel Dömölky

    An jenen Tagen dominierten in Österreichs Medien allerdings Bilder aus Röszke, wo Flüchtlinge wie Tiere gefüttert wurden und eine Kamerafrau Flüchtlinge attackierte. Und während in Österreich die Helfer als Helden gefeiert wurden und unsere Politiker sich bei der Zivilgesellschaft bedankten, wurden die Menschen in Ungarn dazu angehalten, nicht zu helfen, geschweige denn für ihre Arbeit anerkannt. Sie taten es trotzdem. Auch das ist Ungarn. Das inoffizielle Ungarn, dem man vielleicht mehr Aufmerksamkeit schenken sollte.


    Bei aller Tragik haben die vergangenen Wochen etwas sehr Wertvolles zum Vorschein gebracht: Menschlicher Wille ist, wenn es darauf ankommt, stärker als politischer Wille. Keine Mauer, keine Grenzsperre, keine unterbrochene Zugverbindung kann Menschen von der Suche nach einem Leben in Würde abhalten. Und tausende Europäer, egal welchen Kurs ihre Regierung verfolgt, haben von selbst Initiative ergriffen und sie dabei unterstützt. In der Öffentlichkeit überstimmen die Hilfsbereiten derzeit jene, die Angst vor Überfremdung haben. Diese Reaktionen einfach in gut und böse zu unterteilen ist allerdings problematisch, denn beide sind zutiefst menschlich.

    Unser animalischer Instinkt drängt zum Beschützen, wenn Gefahr droht. In der Natur hatten wir zwei Möglichkeiten: weglaufen oder kämpfen. Heute können wir nicht weglaufen, sondern wir müssten Mauern bauen, um uns zu schützen. Unser humanistischer Instinkt veranlasst uns zu Hilfe und Mitgefühl mit Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, eine Balance zu finden, uns also auf humanistische Weise zu schützen: jene Flüchtlinge, die zu uns kommen, mit Würde zu behandeln, gleichzeitig, die Flüchtlingslager in Nahost zu unterstützen und uns ernsthaft dafür zu engagieren, dass der Krieg endlich aufhört. Mit diesem Ansatz ließen sich auch viele andere globale Konflikte lösen. Ob wir es wollen oder nicht, wir Europäer, Erben der Aufklärung, stehen nun vor der Herausforderung, Vorreiter für eine nachhaltige, humane Politik zu sein.

    Leserkommentar

    Zur Autorin

    Gloria

    Benedikt

    ist Absolventin der Ballettschule der Wiener Staatsoper und der Harvard University. Sie ist Tänzerin, Choreografin und Associate for Science and Arts am Institute for Applied Systems Analysis.




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    Dokument erstellt am 2015-09-27 15:53:06


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