• vom 28.10.2015, 17:26 Uhr

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Update: 01.03.2017, 20:25 Uhr

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Die Angst, vergessen zu werden




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Von Kathrin Bachleitner

  • Was Israelis und Palästinenser trotz verbitterter Feinschaft eint.

Eine neue Welle von Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis hat die westlichen Schlagzeilen erreicht. Von außen beobachtet, geben diese spontanen und brutalen Aktionen erneute Rätsel auf. Man kann nicht umhin zu fragen, ob dies die Vorläufer einer dritten Intifada sind oder ob es sich um eine Kettenreaktion von Einzeltätern handelt. Zeitpunkte und Art der Angriffe deuten eher auf Letzteres hin. Eine zentrale politische Koordination von beiden palästinensischen Fraktionen fehlt, die Täter einen bloß die Verstiegenheit der Lage und die daraus resultierende Aussichtslosigkeit für viele Palästinenser. Sind die Morde an unschuldigen Zivilisten in Israel also ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit?

Israels Antwort ist - wie schon oft - eine Demonstration von Stärke und Macht. Jeder Messerstich, jeder Schuss reißt die kollektive Wunde des nationalen Traumas auf: die Vernichtung der Juden. Durch einen derartigen Filter wird jeder Angriff sofort als akute Existenzbedrohung eingestuft und die Selbstverteidigung mit allen verfügbaren Mitteln in Gang gesetzt. Nun aber ging Premier Benjamin Netanjahu einen Schritt zu weit: Als israelischer Regierungschef auf eine Holocaust-Verfälschung zu setzen, ist nicht nur geschmacklos, sondern kann bestenfalls als Hilfeschrei um Aufmerksamkeit gewertet werden.


Beide Seiten scheint trotz verbitterter Feindschaft eines zu einen: die Angst, vergessen zu werden. Wirft man einen Blick auf die Weltöffentlichkeit, scheint diese Angst nicht einmal so unbegründet zu sein. Meinungsumfragen in Europa und den USA zeigen ein relatives Desinteresse am Israel-Palästina-Konflikt. Westliche Medien berichten längst nur dann darüber, wenn die Gewalt wieder einmal eskaliert. Die Welt steht eben momentan vor anderen großen Herausforderungen. Offenbar lassen selbst einflussreiche Politiker lieber die Finger von dem Konflikt, in dem man nur verlieren kann, und zwar auf allen Seiten.

Aber nicht nur die Weltöffentlichkeit, auch die arabischen Staaten sind mit anderen Problemen beschäftigt. Die Jugend, die zeitlebens von Al-Jazeera täglich mit der Situation der Palästinenser konfrontiert wurde, ist nunmehr Zuschauer bei neuen, innerarabischen Konflikten, die kollektive Emotionen wecken. Diese Art von Vergessen hat jedoch auch etwas Gutes: Die Befreiung Palästinas war für vorangegangene Generationen und Regimes der Zweck, zu dessen Durchsetzung alle unterdrückerischen und ungerechten Mittel der autoritären Herrscher gerechtfertigt waren. Die Umbrüche des Arabischen Frühlings scheinen eine Orientierung weg von diesem Zweck hin zu den Mitteln zu zeigen. Die neuen Regierungen sind vorrangig auf die soziopolitische Konstruktion ihrer eigenen Gesellschaften konzentriert und unterscheiden sich dadurch gravierend von den missionsorientierten autoritären Staaten, die ihnen vorangegangen sind. Palästina als Ziel reicht nicht mehr, um die Massen in einer Art heiligem Krieg hinter sich zu einen. Stattdessen wird die soziale Entwicklung der Maßstab sein, an dem der Erfolg der neuen Regierungen gemessen wird. Auch wenn der arabische Frühling nicht zum Sommer geführt hat, so kann man dieses Phänomen vielleicht doch optimistisch als ein erstes zaghaftes Aufblühen eines Anzeichens werten, das man weithin unter demokratischem Frieden versteht. Möge dieser endlich die Region erreichen, die es am dringendsten nötig hat!




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-10-28 17:29:09
Letzte Änderung am 2017-03-01 20:25:17


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