• vom 01.06.2016, 15:41 Uhr

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Update: 02.06.2016, 12:04 Uhr

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Grenzenloser Wohlstand?




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Sind Unternehmen eines Sektors unterschiedlich produktiv, dann können nur die produktivsten von den Chancen der größeren Absatzmärkte profitieren. Weniger produktive bleiben auf dem heimischen Markt beschränkt und verlieren durch die größere Konkurrenz aus dem Ausland, Betriebe mit der geringsten Produktivität scheiden gänzlich aus dem Markt aus. Insgesamt ist das ein Vorteil für die Wirtschaft: die produktivsten Betriebe werden gestärkt, ihre Produktion steigt und damit insgesamt die Produktivität, die Preise sinken; zudem nimmt die Gütervielfalt zu, da Konsumentinnen und Konsumenten eben aus in- und ausländische Produkten wählen können.

Vielleicht noch wichtiger sind die längerfristigen Effekte einer Handelsöffnung: Letztlich sind es die größeren Märkte, die Investitionen in Innovation erlauben. Hohe Entwicklungskosten, die nicht untypisch sind für die moderne industrielle Produktion, rechnen sich nur für einen großen Absatzmarkt. Internationaler Handel vergrößert damit das Potenzial für technischen Fortschritt, der die eigentlichen Quelle eines ansteigenden Wohlstands ist. Ein weiterer längerfristiger Aspekt betrifft die Unternehmensmobilität: in kleinen lokalen Märkten sind die Profitchancen gering, wenn kein Zugang zu den großen internationalen Märkten besteht. Längerfristig droht daher die Abwanderung dieser Unternehmen. Oder anders ausgedrückt: Auf lange Sicht sichert eine Handelsöffnung auch den Unternehmensstandort in Ländern mit einem kleinen Binnenmarkt, da sie eben den Zugang zu einem viel größeren Weltmarkt ermöglicht und damit Profitchancen für hochproduktive Unternehmen eröffnet.

Wirtschaftlicher Vorteil
von TTIP nur gering

Aber: auch hier gibt es Personen, die gewinnen, und Personen, die verlieren (wobei auch hier gezeigt werden kann, dass die Gewinne größer als die Verluste sind). Auch hier gibt es schmerzhafte Anpassungsprozesse, die Mobilität der Arbeitskräfte verlangen; auch hier entstehen Verluste in den Sektoren und Unternehmen, die der internationalen Konkurrenz ausgesetzt sind, ohne von den größeren Märkten profitieren zu können; und auch hier ist Wirtschaftspolitik gefordert, diese Anpassungsprozesse zu gestalten und abzusichern.

Gegner und Befürworter einer Handelsöffnung haben demnach beide recht und unrecht; sie betonen jeweils einen Aspekt, vernachlässigen aber den anderen: Befürworter betonen die Vorteile und schieben die Verluste zur Seite, während Gegner Verluste in den Vordergrund rücken und die Gewinne übersehen. Richtig ist aber beides: Handelsöffnung bringt Vorteile, schafft aber auch Probleme. Die Wirtschaftspolitik ist gefordert; sie muss sich um die Verlierer kümmern, muss Anpassungsprozesse aktiv gestalten und absichern. Spielraum dazu gibt es, da die Vorteile größer als die Nachteile sind, insbesondere in der dynamischen längerfristigen Perspektive. Die Chancen des internationalen Handels sollte man sich - insbesondere in einem kleinen Land - nicht entgehen lassen. Tatsache ist, dass alle reichen Länder in den internationalen Handel integriert sind.

Haben all diese Argumente etwas mit der Diskussion um TTIP zu tun? Ja. Versucht man jedoch, die ökonomischen Wirkungen von TTIP zu quantifizieren, so gehen die Schätzungen weit auseinander; erkennbar ist aber, dass der wirtschaftlicher Vorteil eher gering sein wird. Aber die volkswirtschaftliche Dimension ist nur eine von viele, die in der Diskussion um TTIP eine Rolle spielt. Dominanter in dieser Diskussion sind Fragen im Zusammenhang mit der Gestaltung und der Rolle der Gerichtsbarkeit und im Zusammenhang mit der Definition von Standards, insbesondere, aber nicht nur, im Umwelt- und Gesundheitsbereich. Aber: sehr relevant sind diese Argumente für die Frage, ob innerhalb von Europa wieder verstärkt Grenzkontrollen eingeführt werden sollen, die auch den Handel mit Gütern und Dienstleitungen erschweren.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-06-01 15:44:06
Letzte Änderung am 2016-06-02 12:04:38


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