• vom 03.07.2016, 12:04 Uhr

Gastkommentare

Update: 03.07.2016, 13:04 Uhr

Gastkommentar

Anfang des Schreckens - Ende des Schreckens?




  • Artikel
  • Kommentare (7)
  • Lesenswert (14)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bülent Kacan


    Bülent Kacan ist Schriftsteller in Minden (Nordrhein-Westfalen). Foto: privat

    Bülent Kacan ist Schriftsteller in Minden (Nordrhein-Westfalen). Foto: privat Bülent Kacan ist Schriftsteller in Minden (Nordrhein-Westfalen). Foto: privat

    Die größte Gefahr, die der Terror mit sich bringt, ist die Gewöhnung daran. Wird der Schrecken einmal zur Gewohnheit, so hat die Ideologie des Schreckens ihr Ziel erreicht: Die Herrschaft des Schreckens über das bloße Momentum des zerstörerischen Ereignisses hinaus - die allmähliche Abstumpfung des Menschen, seine Verrohung, seine Gleichgültigkeit seinen Mitmenschen gegenüber angesichts des alltäglichen Schreckens wären die Folgen, der zwischenmenschliche Vertrauensverlust, das Abhandenkommen der staatlichen Souveränität wären die Spätfolgen, das Auseinanderbrechen der Gesellschaft wäre das finale Ergebnis in letzter Konsequenz.

    Man darf sich dem alltäglichen Schrecken nicht ergeben. Man darf ihm nicht den Stellenwert beimessen, den dieser für sich beansprucht. Man muss ihn zwar ernst nehmen und mit rechtstaatlichen Mitteln bekämpfen - man darf sich ihm allerdings nicht auf gleicher Augenhöhe annähern, indem man es ihm mit gleichen Mitteln heimzahlt. In der Wahrung der Menschenrechte auch unter äußersten Bedingungen bewahrt der Rechtsstaat seine Souveränität. Ein Rückfall in vormoderne Zeiten jedoch - durch die Übernahme des Prinzips "Auge um Auge, Zahn um Zahn" oder der Folter im Ausnahmezustand beispielsweise - wäre ein Eingeständnis in den Verlust der eigenen Souveränität, wäre letztlich ein Zugeständnis an die Wirkmacht der Gegner des Rechtsstaates.

    Gesellschaftliche Ursachen des Terrors erkennen und ändern

    Man muss die gesellschaftlichen Ursachen des Terrors erkennen. Man muss die herrschenden Ungerechtigkeiten auf dieser Welt in den Fokus nehmen, die Ausbeutung von Menschen durch Menschen, die Ausbeutung der Natur durch die Menschheit insgesamt. Alles Übel hat eine Ursache. Wer lediglich das Ende des Schreckens wahrnimmt, der ist wohl oder übel dazu verdammt, von diesem erneut heimgesucht zu werden.

    Der Kampf gegen die Hydra des 21. Jahrhunderts erscheint aussichtslos, solange die sozialen Ursachen, die Benachteiligung großer Bevölkerungsschichten in den arabischen Gesellschaften, das Wohlstands- und Bildungsgefälle - die für das Aufkommen des islamistischen Terrorismus verantwortlich zeichnen - unverändert bleiben.

    In einer gerechteren Welt würde auch der Terror an Bedeutung verlieren. Allein die Gerechtigkeit vermag denjenigen, der sich benachteiligt fühlt, zur Vernunft zu bringen - dies ist die Bringschuld der Gerechtigkeit. Es kann kein vernünftiges Leben in einer ungerechten Welt geben.

    Wer das Gegenteil behauptet, bildet sich ein, dass das Unrecht, das auf der Welt herrscht, naturgegeben und also sein individuelles Glück naturgemäß sei - er macht es sich leicht, angesichts der unerträglichen Last, die seine Mitmenschen gleichermaßen zu erdulden wie zu erleiden haben.

    Der Glaube an eine gerechtere Welt setzt keinen Unglauben an die gegenwärtige Welt voraus, vielmehr erhofft sich der Glaube an eine gerechtere Welt, dass die gegenwärtige sich hin zu einer besseren entwickeln möge.





    7 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-07-03 12:08:05
    Letzte Änderung am 2016-07-03 13:04:57


    Werbung



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Eine Reform, nur keine große
    2. Generation Aufbau
    3. Lernen von Macron
    4. Appell für Großzügigkeit
    5. Kein Bruch mit der Merkel-Ära
    Meistkommentiert
    1. Kein Bruch mit der Merkel-Ära
    2. Zwei Wege
    3. Lernen von Macron
    4. Generation Aufbau
    5. Genug verhindert


    Werbung