• vom 23.09.2016, 15:57 Uhr

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Update: 23.09.2016, 17:11 Uhr

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Scham und Schamlosigkeit in der Politik




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Von Isolde Charim

  • Über das Wiederlesen eines alten Jelinek-Textes.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.© Daniel Novotny Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.© Daniel Novotny

Wenn es etwas gibt, das einen in Bezug auf die FPÖ-Politiker immer wieder mit Erstaunen erfüllt, dann ist es deren Schamlosigkeit. Die völlige Schamlosigkeit, mit der diese öffentlich agieren und auftreten. Die Unverfrorenheit in Bezug auf Gerüchte, Halbwahrheiten, Unwahrheiten, in Bezug auf Aggressionen, Denunziationen und Angriffe - diese Unverfrorenheit beruht auf einem gänzlichen Mangel an Schamgefühl.

Immer wenn ich das beobachte, fällt mir ein Text von Elfriede Jelinek ein. Und in jüngster Zeit muss ich sehr oft an diesen Text denken. "Schamlos: Die Zeit" heißt er. 2008 in "Die Zeit" erschienen. Schon damals ging es um Schamlosigkeit.


Jelinek sieht in der Scham etwas eminent Politisches: Sie bildet die Wasserscheide zwischen Linken und Rechten. Um das deutlich zu machen, stellt Jelinek die Frage nach Scham und Schamlosigkeit in eine historische Perspektive. In dieser Perspektive beschreibt Jelinek die Rechten als jene, die sich selbst "das Maß" sind. Als jene, die keine Distanz zu sich selbst haben - und auch "keinen Abstand" zu dem, was geschehen ist. Historisch. Während die Linken "zu Brüchen gezwungen wurden, zur Distanzierung vom Stalinismus". So Jelinek. Aber wieso eigentlich? Hitler-Deutschland ist doch auch untergegangen, nicht nur die Sowjetunion. Der Unterschied sei aber, so Jelinek, dass in einer linken Perspektive der real existierende Sozialismus eine "Entartung der großen Idee" gewesen sei.

Was sie nicht sagt, aber als Umkehrschluss nahelegt: In einer rechten Perspektive hätte der real existierende Nationalsozialismus demnach genau seiner eigenen Idee entsprochen: Er wäre also deren Realisierung. Genau deshalb, wegen dieser "Entartung" ihrer Idee, müssten sich die Linken noch heute "immer für etwas schämen" - für das, was schief gelaufen ist, während die Rechten keine Scham kennen. Eine solche sei ihnen "wesensunmöglich", so Jelinek: Denn die Voraussetzung von Scham sei ein Bruch in der Zeit: Nur aus einer neuen Perspektive auf das Vergangene, also nur, wenn das Vergangene tatsächlich vergangen ist und man aus einer neuen, einer anderen Zeit auf es zurückschaue, sei so etwas wie Scham für das Geschehene möglich.

Wobei der Topos der Zeitenwende damit in doppelter Weise für die Linken relevant wird: Er ist sowohl Teil ihrer eigenen Idee - Zeitenwende war die Vorstellung, "mit uns zieht die neue Zeit". Er ist aber auch Teil ihrer Geschichte - das Ende der Pervertierung dieser Idee, das Ende ihrer schlechten Realisierung bedeutet eine tatsächliche Zeitenwende. Während die Rechten, so Jelinek, diese Art von Bruch nicht kennen. Sie leben in einem ununterbrochenen Zeitkontinuum. Sie sind, schreibt Jelinek, "zugleich mit der Zeit". Das würde aber heißen: das Ende des Dritten Reichs sei ihnen zwar eine Niederlage gewesen - nicht aber eine Widerlegung, eine Infragestellung ihrer Idee, der Idee des Völkischen.

Man mag Jelineks großem historischen Bogen folgen oder nicht - eines macht sie in jedem Fall deutlich: Es geht nicht um psychische Dispositionen von politischen Akteuren, um private Charakterzüge. Deren Scham und Schamlosigkeit sind eine politische Unterscheidung.




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Dokument erstellt am 2016-09-23 16:02:08
Letzte Änderung am 2016-09-23 17:11:03


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