• vom 21.02.2017, 12:11 Uhr

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Update: 23.02.2017, 14:57 Uhr

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Krieg im Rosengarten




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Von Markus Schauta

  • Warum der militärische Sieg über den "Islamischen Staat" keinen Frieden im Irak bringen wird.

Markus Schauta ist freier Journalist, seit 2011 berichtet er aus Kriegs- und Krisengebieten des Nahen Ostens.

Markus Schauta ist freier Journalist, seit 2011 berichtet er aus Kriegs- und Krisengebieten des Nahen Ostens. Markus Schauta ist freier Journalist, seit 2011 berichtet er aus Kriegs- und Krisengebieten des Nahen Ostens.

Seit Beginn der Mossul-Offensive haben die irakischen Streitkräfte den "Islamischen Staat" (IS) aus mehr als 120 Orten im Norden des Landes vertrieben. Mossul ist eingeschlossen, die Versorgungsroute nach Syrien gekappt. Der irakische Premier Haider al-Abadi erklärte am 24. Jänner den Ostteil der Stadt für befreit. Die Eroberung von West-Mossul ist nur eine Frage der Zeit. So weit, so optimistisch.

Doch der gemeinsame Feind IS verdeckt nur bedingt die gesellschaftlichen Bruchlinien, die den Irak fragmentieren. Die Grenzen der autonomen Region Kurdistan im Norden des Irak sind umstritten. Zahlreiche Orte in den Grenzprovinzen Ninive, Kirkuk, Salah ad Din und Diyala werden sowohl von den Kurden als auch von der Zentralregierung in Bagdad für sich beansprucht.


Teile der umstrittenen Gebiete waren mehrheitlich von Kurden bewohnt, bevor Saddam Hussein gezielt Araber ansiedeln ließ. Als der IS 2014 in diese Gebiete vorstieß, machte das die Frage nach der Zugehörigkeit zunächst hinfällig.

Mit dem Vormarsch auf Mossul konnten kurdische Peschmerga dem IS zahlreiche Städte und Dörfer wieder entreißen. Manche dieser Orte waren bereits davor unter Kontrolle von Irakisch-Kurdistan. Andere wie Hassan Sham standen aber unter Verwaltung der Regierung in Bagdad. Mit ihrem Vorrücken in diese umstrittenen Gebiete konnten die Peschmerga Fakten im Sinne eines erweiterten Irakisch-Kurdistan schaffen. Ob Bagdad und Erbil eine Kompromisslösung finden können, bleibt abzuwarten.

Doch auch das vom IS verstärkte religiöse Auseinanderdividieren der Gesellschaft zeigt Wirkung. Beim Vorstoß auf Mossul kam es laut Amnesty International in Dörfern der Ninive-Ebene zu Folter und außergerichtlichen Hinrichtungen durch irakische Polizeikräfte. Ähnliche Vorfälle gab es im Mai 2016 bei der Eroberung der IS-Hochburg Falludscha. Die UNO wirft den schiitischen Milizen Übergriffe auf Sunniten vor. Mehr als 640 sunnitische Männer und Jugendliche sollen verschleppt, 50 von ihnen erschossen oder zu Tode gefoltert worden sein. Auch am Kampf um Mossul sind schiitische Milizen beteiligt.

Der Blog "Mosul Eye" veröffentlichte Anfang Februar einen offenen Brief an den irakischen Premier: Bekannte Ex-Mitglieder des IS würden unbehelligt durch Mossul spazieren, sie hätten sich wohl vor der Verfolgung durch das Gesetz freigekauft.

Korruption, Selbstjustiz und ungeklärte Herrschaftsbereiche sind der Stoff für weitere Konflikte im Irak. Die Gräben zwischen den ethnischen und religiösen Gruppen treiben die Menschen in die Hände von Hardlinern. Der IS habe die Wüste in einen Rosengarten verwandelt, sagte ein Bauer in der Ninive-Ebene. Die Ablösung der verhassten schiitischen Regierung in Bagdad durch den sunnitischen IS erschien ihm als Befreiung.

Die Regierung in Bagdad wird sich von ihrer Klientelpolitik auf Kosten der sunnitischen Minderheit verabschieden müssen. Die Auflösung religiös definierter Milizen wäre ein erster Schritt. Die Tage des IS im Irak sind gezählt. Aber ein Frieden wird Kompromisse von allen Seiten brauchen. Nach 25 Jahren Krieg wird es Zeit für einen Rosengarten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-02-21 12:18:05
Letzte Änderung am 2017-02-23 14:57:04


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