• vom 13.04.2017, 07:30 Uhr

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Führen heißt Leben wecken




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Von Anselm Grün

  • Gastkommentar: Wie man das Potenzial von Mitarbeitern besser ausschöpfen kann.

Pater Anselm Grün war als wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach 36 Jahre lang für die Führung von 20 Betrieben mit 300 Mitarbeitern verantwortlich. Seinen Vortrag "Menschen führen, Leben wecken" hielt er im Rahmen der "Zukunftskonferenz" des österreichischen Trainernetzwerks FUTURE (www.future.at), das in den vergangenen 25 Jahren rund 5000 Teilnehmer zu zertifizierten Coaches ausgebildet hat. Foto: FUTURE/Caroline Vlasek

Pater Anselm Grün war als wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach 36 Jahre lang für die Führung von 20 Betrieben mit 300 Mitarbeitern verantwortlich. Seinen Vortrag "Menschen führen, Leben wecken" hielt er im Rahmen der "Zukunftskonferenz" des österreichischen Trainernetzwerks FUTURE (www.future.at), das in den vergangenen 25 Jahren rund 5000 Teilnehmer zu zertifizierten Coaches ausgebildet hat. Foto: FUTURE/Caroline Vlasek Pater Anselm Grün war als wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach 36 Jahre lang für die Führung von 20 Betrieben mit 300 Mitarbeitern verantwortlich. Seinen Vortrag "Menschen führen, Leben wecken" hielt er im Rahmen der "Zukunftskonferenz" des österreichischen Trainernetzwerks FUTURE (www.future.at), das in den vergangenen 25 Jahren rund 5000 Teilnehmer zu zertifizierten Coaches ausgebildet hat. Foto: FUTURE/Caroline Vlasek

Führungskräfte meinen heute, sie müssten möglichst viel aus ihren Mitarbeitern herausholen, sie herausfordern, damit sie noch mehr leisten. Doch wenn sie nur Druck auf die Mitarbeiter ausüben, erzeugen sie Gegendruck. Mitarbeiter, die sich ausgepresst fühlen, werden krank. Oder sie entwickeln Gegenstrategien, damit sie nicht noch mehr ausgepresst werden. Sie machen Dienst nach Vorschrift. Sie zeigen nach außen große Arbeitsamkeit, aber es kommt nicht viel dabei heraus.

In der christlichen Tradition heißt Führen: dem Menschen dienen, dem Leben dienen. Dazu ein Wort Jesu an seine Jünger: "Die Könige unterdrücken ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende." (Lk 22,25f) Jesus kritisiert zwei negative Weisen von Führen.


Die erste Weise: Ich muss die anderen klein machen, um an meine Größe glauben zu können. Doch dann kreise ich letztlich immer nur um mich und meine eigene Größe. Ich bin nicht offen für die Menschen, die ich führe, und für die Sache des Unternehmens. Und von kleingemachten Mitarbeitern kann ich keine große Leistung erwarten.

Die zweite Weise: Ich brauche meine Führungsposition für mein eigenes Image. Ich muss gut herauskommen. Ich muss im Mittelpunkt stehen. Der deutsche Psychiater Albert Görres sprach einmal von Abteilungsleitern, die um sich herum nur Bewunderungszwerge sammeln. Sie wollen sich von ihren Mitarbeitern bewundern lassen. Doch wer so narzisstisch um sich selbst kreist, hat Angst vor kompetenten Mitarbeitern. Ja, er muss die fähigen Mitarbeiter unterdrücken oder aber entlassen, aus Angst, sie könnten beliebter sein als er selbst. Doch wenn ich alle guten Mitarbeiter entlassen muss, damit ich der Größte bin, dann verpulvere ich viel Energie.

Gute Mitarbeiter fördern
Psychologen meinen, in Unternehmen werden bis zu 40 Prozent des Potenzials durch unreife Spiele vergeudet. Ich muss ständig auf der Hut sein, damit ja keiner besser wirkt als ich, damit mir die Leute nicht ein Stück vom Beliebtheitskuchen wegessen. Bei diesem Potenzial sollte man ansetzen. Dann brauche ich die Mitarbeiter nicht auszupressen. Ich spare viel mehr Energie ein, wenn ich die guten Mitarbeiter fördere und mich an ihren Fähigkeiten selbstlos freuen kann.

Gegenüber diesen beiden negativen Weisen des Führens setzt Jesus auf das Dienen. Er geht dabei vom Bild des Tischdieners aus, der den Gästen vermitteln möchte, dass sie das Essen genießen, dass ihnen das Leben schmeckt. Das ist für mich ein Bild geworden. Führen heißt: dem Leben dienen, Leben hervorlocken in den Menschen, Leben wecken in den Mitarbeitern.

Die Möglichkeiten wecken
Wie geht das? Ich muss mir immer wieder einmal Zeit nehmen, um einzelne Mitarbeiter zu meditieren, um den Schlüssel zu finden, der das Potenzial, das in ihnen steckt, aufschließt. Wenn ich Leben in den Mitarbeitern wecke, wird ihnen die Arbeit Spaß machen. Und sie werden auch für das Unternehmen mehr leisten, als wenn ich sie auspresse. So steckt in diesen Worten Jesu eine Weisheit, die wir gerade heute in unserer Unternehmenskultur bitter nötig haben.

Die Kunst des Führens besteht darin, mich so in die Mitarbeiter einzufühlen, dass ich die Möglichkeiten, die in jedem Mitarbeiter stecken, wecke. Dazu braucht es den Glauben an die Mitarbeiter. Görres meint: Kein Mensch tut das Böse aus Lust am Bösen, sondern immer aus Verzweiflung. Das gilt auch für schwierige Mitarbeiter. Kein Mitarbeiter ist aus Lust schwierig, sondern immer aus einer inneren Not heraus. Wenn ich als Führungskraft an den guten Kern auch im schwierigen Mitarbeiter glaube, kann ich diesen Kern auch hervorlocken.

Natürlich gibt es Grenzen. Es gibt auch Mitarbeiter, die das Leben verweigern. Dann ist es wichtig, dass ich als Führungskraft gut mit mir umgehe. Ich kann nur tun, was in meiner Macht liegt. Aber ich kann nicht jeden, der Leben verweigert, zum Leben tragen. Da muss ich auch für das Leben in mir sorgen. Dennoch sollte ich immer daran glauben, dass in jedem ein Lebenskeim steckt, der zum Blühen gebracht werden will. Wenn das Leben im einzelnen Mitarbeiter aufblüht, fördert das auch das Blühen der Firma.




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Dokument erstellt am 2017-04-09 22:24:06



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