• vom 29.01.2008, 18:10 Uhr

Gastkommentare


Gastkommentar von Martin Haidinger

Wo sind die linken Tugenden geblieben?




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  • Er war ein denkwürdiges Ereignis, dieser Abend im November 1988, als das Wiener Akademische Corps Marchia, eine ehemals "schlagende" Verbindung, sein 100. Stiftungsfest feierte. Die Reihen der Alten Herren waren von Schnitter Tod bereits stark gelichtet, viele von ihnen waren als Juden im KZ ermordet worden, andere nie aus der Emigration zurückgekehrt.

An jenem Tag gaben sie einem der ihren das dreifarbige Burschenband zurück, das dieser in der Zwischenkriegszeit innegehabt hatte, und nahmen ihn wieder in ihren Bund auf. Der Alte Herr hieß Dr. Heinrich Dürmayer, war ein spanisch-republikanischer Bürgerkriegsveteran, KZ-Insasse und als Kommunist 1945 erster Chef der Staatspolizei nach dem Krieg.


Gewiss, Marchia war immer schon eine Ausnahme unter den "Schlagenden", eine Minderheit. Aber sind die heute gerade einmal 3000 Waffenstudenten in Österreich nicht auch eine Minderheit für sich? Linke und linksextreme Gruppen demonstrierten gegen sie, als sie am 25. Jänner ihren jährlichen Ball in der Hofburg abhielten. Viel Glas und politische Moral gingen dabei zu Bruch.

Nein, man muss die liberalen, freisinnigen, deutschnationalen oder gar völkischen Verbindungen ganz und gar nicht mögen, kann Argumente sonder Zahl gegen sie vorbringen, um sie dennoch dulden zu können. Wir haben ein funktionierendes NS-Verbotsgesetz, und die kleine, randständige Gruppe rechtsextremer bis neonazistischer Elemente unter ihnen ist glasklar im Visier der Staatspolizei. Der große Rest soll indes tun was er will, solange er sich an die Gesetze hält, die für Rechts, Links und Mitte gleichviel gelten.

Couleurstudentische Gebräuche mögen den einen albern erscheinen, andere finden dafür brüllende linke Politfolklore lächerlich. Gerade deshalb sollte eine vernünftige Linke die "Waffenstudenten" dulden. Denn da war doch einmal eine Tugend, für die Linke immer gekämpft hat: jene der Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit, oder sollte ich mich irren?

1793 forderte Revolutionsankläger St. Just den Kopf des Königs mit den Worten: "Nicht Ludwigs Taten waren an sich verdammenswert, sondern schlicht und einfach die Tatsache, dass er König gewesen ist." Das erinnert fatal an die Devise: "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen." Gedachter Nachsatz: "Und wer Faschist ist, bestimmen wir" (= die extreme Linke).

Nein, so gehts nicht Freunde! Wenn an der Uni Wien in diesen Wochen anonyme Steckbriefe mit Fotos von studierenden Burschenschaftern aushängen, mit der Aufforderung, diese "Gesichter" aus Hörsaal und Uni zu "entfernen", wenn 200 Linksradikale anlässlich des Burschenschafterballs in der Wiener Hofburg die Mariahilfer Straße verwüsten, ist das nicht mehr ein Fall für die Politik, sondern für die Polizei. Bitte wieder das Hirn einschalten und im Sinn einer alten linken Tugend handeln und sprechen: Gewalt (auch verbale) ist keine Lösung!

Martin Haidinger ist Historiker, Journalist und Buchautor. 2007 erschien sein satirischer Verbindungskrimi "Unter Brüdern".



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Dokument erstellt am 2008-01-29 18:10:08
Letzte Änderung am 2008-01-29 18:10:00


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