• vom 22.06.2017, 16:48 Uhr

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Update: 23.06.2017, 10:24 Uhr

Gastkommentar

Ein liberaler Islam - gibt es das überhaupt?




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Von Christian Ortner

  • Eigenartig: Wenn sich liberale Muslime öffentlich zu Wort melden, wird es meist recht schnell lebensgefährlich.

Christian Ortner.

Christian Ortner. Christian Ortner.

Auf den ersten Blick waren es drei erfreuliche und optimistisch stimmende Ereignisse, die da in den vergangenen Tagen unabhängig voneinander stattfanden. In Wien unterschrieben 300 Imame ein klares Bekenntnis zu einem friedlichen Islam, in Köln demonstrierten Muslime gegen den Terror im Namen ihrer Religion, und in Berlin eröffnete die deutsche Frauenrechtlerin Seyran Ates eine "liberale Moschee", in der Männer und Frauen, Sunniten und Schiiten und sogar hetero- und homosexuelle Muslime gemeinsam beten sollen. Wehren sich da also die Muslime, spät aber doch, gegen jene Interpretationen des Islam, die es für notwendig halten, einer menschenverachtenden Ideologie aus dem siebenten Jahrhundert zu dienen, deren radikalste Exponenten Woche für Woche irgendwo in Europa unter "Allahu Akbar"-Rufen Ungläubige abschlachten? Zeigt endlich die "Religion des Friedens", wie sie von ihren Anhängern genannt wird, ihr wahres Gesicht?

Leider stimmt ein etwas genauerer Blick auf die jüngsten Manifestationen eines "liberalen" Islam deutlich weniger optimistisch. Denn Ates wurde zum Dank für ihre Initiative von Muslimen, die ihre Ansichten nicht teilen, mit einer Hasswelle gewaltigen Ausmaßes überschüttet. "Die Alte macht grade ihr Testament", hieß es da. "Ates, ich hoffe, du verbrennst in der Hölle", schrieb jemand. Und ein anderer empfahl: "Kopf gegen die Wand schlagen." Auch glatte Mordaufrufe gegen die Muslima zirkulieren mittlerweile, weshalb sie Personenschutz benötigt wie andere muslimische "Liberale" auch. Und das bloß, weil sie Männer und Frauen gemeinsam beten lässt und Schwule nicht hängen, sondern ihren Glauben ausüben lassen will. Was ist da bloß los?


Nicht viel optimistischer stimmt, dass bei der Kölner Demo von Muslimen gegen den Terror statt der von den Veranstaltern angemeldeten 10.000 Personen nur ein Bruchteil kamen - je nach Quelle zwischen 500 und maximal 2000, viele davon ganz offenkundig keine Muslime, sondern bloße Sympathisanten dieser Kundgebung und ihres Anliegens. Nicht ganz grundlos merkten Kommentatoren spöttisch an, zu jeder besseren türkischen Großhochzeit kämen mehr Muslime als zu dieser sehr bescheidenen Manifestation eines friedfertigen Islam. Und wenig hoffnungsvoll macht schließlich auch, dass unter den 300 Imamen, die sich in Wien gegen den Terror wandten, auch einer war, der ausgerechnet Mitorganisator der berüchtigten hiesigen "Al-Quds-Tage" ist. Also jener vom iranischen islamistischen Regime, einem Hauptsponsor des Terrors, gesteuerten Aufmärsche, auf denen alljährlich die Vernichtung Israels propagiert wird - eine eher originelle Interpretation von "Religion des Friedens". Dass keiner der 299 anderen Imame sich öffentlich daran stieß, reduziert die Freude über das Wiener Manifest doch erheblich.

Nun wäre es gewiss unfair, diese Versuche, einen friedliebenden "Euro-Islam" zu installieren und sichtbar zu machen, als bloße PR-Manöver zu denunzieren. Blauäugig und naiv wäre es aber auch, derartige Events als Hinweis darauf zu verstehen, dass die große Mehrheit der Muslime sich eine Religion wünscht, wie sie etwa Ates in ihrer liberalen Mosche praktiziert. Das ist leider pures Wunschdenken.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-22 16:53:04
Letzte Änderung am 2017-06-23 10:24:05


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