• vom 20.07.2017, 16:05 Uhr

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Nie wieder Finanzkrise?




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Von André Tomfort

  • Gastkommentar: Warum sich die Chefin der US-Notenbank fatal geirrt haben könnte.



Vor kurzem machte die Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, eine bemerkenswerte Aussage: Auf einer Pressekonferenz in London sagte sie, dass sie nicht mehr damit rechne, in ihrem Leben nochmals eine schwere Finanzkrise wie im Jahr 2008 zu erleben. Sie begründete ihren Optimismus mit den Reformen des Finanzsystems und damit, dass die Banken jetzt krisenfest seien.

Können wir der Fed-Chefin wirklich glauben? Der Sturm der vergangenen Finanzkrise ist abgeebbt, und die Aktien- und Immobilienmärkte bewegen sich in einem langfristigen Aufwärtstrend. Dies ist nicht zuletzt der expansiven Geldpolitik von Yellen und ihren Kollegen in der Eurozone und in Asien zu verdanken. Knapp ein Jahrzehnt lang rekordtiefe Zinsen verfehlen ihre Wirkung an den Finanzmärkten nicht, und auch die globale Konjunktur hat seit einiger Zeit wieder an Fahrt aufgenommen. Trotzdem ist die Nervosität überall zu spüren, und viele Anleger fragen sich: "Wo stehen wir heute? Und wie sicher sind unsere Anlagen?"


Die Immobilienkrise 2008 und 2009 war kein Einzelfall



Gegen Yellens Auffassung spricht eine Reihe von Indizien. So war die Immobilienkrise in den Jahren 2008 und 2009 kein Einzelfall. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren war eine zunehmende Häufung von Finanzkrisen zu verzeichnen: Japan 1990, der Dotcom-Crash 2000 und die jüngste weltweite Immobilienkrise seien als Beispiele genannt. Und jetzt? Die jüngsten Meldungen zu den Immobilienpreisen in New York, London oder Berlin lassen einen ungebremsten Drang zur Spekulation erkennen. Überall werden neue Rekordwerte erreicht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzte schon im Jahr 2014, dass die weltweiten Finanzrisiken wieder jenes Niveau erreicht hätten wie im Jahr 2007, also kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise.



Wie lässt sich eine Finanzkrise frühzeitig erkennen? Folgender Mix war historisch immer wieder beim Entstehen von Preisblasen zu beobachten: eine positive Konjunkturlage, eine expansive Geldpolitik und am Ende der Blasenbildung ein überbordender Optimismus, der sich in einer exzessiven Spekulation entlädt. Die ökonomische Sprengkraft einer solchen Preisblase entsteht jedoch erst, wenn sie mit einer starken Kreditexpansion einhergeht. Dann wird jene hohe Verschuldung in- und außerhalb des Finanzsektors aufgebaut, die nach dem Platzen der Blase zu hohen Kreditausfällen führt, die das Finanzsystem gefährden.

Sobald Gerüchte auftauchen, dass einzelne Kreditinstitute in Zahlungsschwierigkeiten seien, leihen diese einander kein Geld mehr. Nun geraten auch noch die gesunden Banken in Nöte, weil sie ihre auslaufenden Schulden nicht mehr refinanzieren können. Der Bankensektor kollabiert. Hinzu kommt, dass Unternehmen und private Haushalte ihre Verschuldung reduzieren müssen, was wiederum Investitionen und Konsum einbrechen lässt und eine scharfe Rezession auslöst.

Banken und andere Kreditinstitute haben im Finanzsystem jedoch eine wichtige Funktion: Sie sollen das Geld der Zentralbank nach Risiko- und Ertragsgesichtspunkten auf Unternehmen, private Haushalte und den Staat verteilen. Fallen sie aus, droht einer Volkswirtschaft der monetäre Infarkt. Das wissen natürlich auch Notenbanker und Regierungen, deshalb tun sie in einer solchen Krise alles, um den Finanzsektor zu retten. Selbst Steuergelder sind dann kein Tabu mehr.

In der Vergangenheit sind vor allem Manager von Banken und Hedgefonds für die schweren Finanzkrisen verantwortlich gemacht worden. Die Rolle der Zentralbanken wurde dagegen allenfalls in wissenschaftlichen Kreisen diskutiert. Dabei ist eine Preisblase ohne eine lange andauernde Phase niedriger Zinsen und hoher Ausweitung der Geldmenge kaum möglich, denn hohe Zinsen verderben die Freude an der Spekulation und machen Investitionen unattraktiv. Spätestens wenn die Kreditvergabe sich stark von der wirtschaftlichen Entwicklung entkoppelt, müsste die Zentralbank mit Zinserhöhungen eingreifen. Dann ist klar, dass die Kredite nicht in die Realwirtschaft fließen, sondern an die Finanzmärkte, und Spekulationen auslösen.

Die Notenbanken verlassen sich zu sehr auf die Inflation
Die führenden Notenbanken der Welt wollen jedoch dieser Argumentation nicht folgen. Sie glauben, dass die Wirtschaft inklusive des Finanzsektors im Gleichgewicht ist, solange die Inflation moderat bleibt. Mit ihrer an der Inflation ausgerichteten Geldpolitik würden sie automatisch auch das Finanzsystem stabilisieren, meinen sie.

Die Zentralbanken übersehen jedoch zweierlei: Erstens hat sich in den vergangenen Jahrzehnten die Inflation durch die Globalisierung und die damit einhergehende internationale Arbeitsteilung auch ohne Zutun der Geldpolitik stabilisiert. Die Notenbanken können sich also erlauben, die Wirtschaft viel großzügiger als früher mit Geld zu versorgen, ohne dass die Preise außer Kontrolle geraten. Zweitens laufen die Inflation der Konjunktur zeitlich nach und die Finanzmärkte der Konjunktur zeitlich voraus. Ehe also ein wirtschaftlicher Boom zu Inflationsdruck führt, hat sich die Preisblase längst vollständig entwickelt.

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Dokument erstellt am 2017-07-20 17:51:16


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