• vom 01.11.2017, 08:26 Uhr

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Update: 01.11.2017, 13:16 Uhr

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Bawag, Banken und die Börse




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Von Holger Blisse

  • Ein Blick in aktuelle Entwicklungen im Volksbankensektor. Folgt dem Beispiel des Börsengangs der Bawag eine Volksbank-AG?

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

© privat

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

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Lange Zeit wurde spekuliert, ob in der Folge der Finanzmarktkrise nicht Bawag P.S.K. und Österreichische Volksbanken-AG (ÖVAG) mitsamt den Volksbank-Filialen fusionieren sollten. Doch dies beruhte auf einem Irrtum. Die Volksbank-Filialen gehörten nicht zur ÖVAG, sondern waren Filialen von rechtlich selbständigen Banken, eben den rund 60 lokalen und regionalen genossenschaftlichen Volksbanken, die im Eigentum von rund einer halben Million Mitgliedern standen. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die Tatsache personeller Verflechtungen, indem ein ehemaliges Bawag-Vorstandsmitglied an die Spitze der ÖVAG trat. Im Verlauf übernahm die Bawag das Bauspar- und Wohnbaubankgeschäft von den Volksbanken.

Inzwischen gibt es nur noch acht regionale Volksbanken und die lokale Waldviertler Volksbank Horn sowie zwei weitere frühere Volksbanken, die heute als regionale Banken arbeiten, aber weiterhin zu den gewerblichen Genossenschaften (Schulze-Delitzsch) gezählt werden: die Dolomitenbank Osttirol-Westkärnten, hervorgegangen aus der gleichnamigen Volksbank und der Volksbank Gmünd (Kärnten), und die Marchfelder Bank, die frühere Volksbank Marchfeld.

Kürzlich schlossen sich im Volksbanken-Verbund die genossenschaftliche Österreichische Apothekerbank und die Bank für Ärzte und Freie Berufe AG zur Österreichischen Ärzte- und Apothekerbank AG zusammen. Damit nehmen der Anteil der Aktiengesellschaften innerhalb des Volksbanken-Verbundes und die rechtliche Monostruktur im Bankensystem zu. Dieses wird auch bereit für den Kapitalmarkt gemacht, der von der Kapitalverwertung lebt, die eben innerhalb der Rechtsform der AG am leichtesten gelingt und vorige Woche mit der Bawag einen weiteren Teilnehmer begrüßen konnte.

Frühere Äußerungen verstärkend, lassen auch die Volksbanken durchblicken, so ihr Generaldirektor kürzlich im "Standard", dass im Falle einer Kapitalbedarfsprüfung ein Börsengang eine Option sein könne. Doch nach wie vor gibt es einen wesentlichen Unterschied jeder Volksbank, ob Aktiengesellschaft oder Genossenschaft, gegenüber der Bawag: Sie alle werden an der Basis, teilweise über Verwaltungsgenossenschaften vermittelt, von vielen natürlichen und juristischen Personen als Eigentümern (Mitgliedern) getragen.

Institutionelle Vielfalt

Warum zweifelt man daran, dass diese Eigentümer weiteres Kapital aufbringen würden? Sie waren es, die in der noch nicht abgeschlossenen und maßgeblich vom Staat mitgetragenen Sanierungsphase ihren Volksbanken, begleitet von ihren Kundenberatern, die Treue gehalten und ihr genossenschaftliches Geschäftsanteilskapital in den Banken belassen haben, obwohl es dafür keine Dividende gab und auch die Förderungsleistungen, zum Beispiel durch günstige(re) Produkte oder Zinsen, nur eingeschränkt erbracht werden konnten.

Hier darf man sich eine Renaissance der Mitgliedschaft in einer im Selbstverständnis noch genossenschaftlichen Bankengruppe wünschen. Dies würde auch dazu beitragen, jede Bankengruppe ihr individuelles Profil bewahren lassen zu können. Denn gerade mit institutioneller Vielfalt können die Banken als Geldanlage- und Finanzierungsalternative zum Kapitalmarkt und seinen Instrumenten fungieren und nicht nur zu Mitspielern am Kapitalmarkt reduziert werden, wo ihnen vor allem, wenn sie selbst der Kontrolle des Kapitalmarktes im Falle eines Börsenganges unterliegen, Fusion und Übernahme, auf jeden Fall aber Marktdruck und Investoreninteressen "drohen", die nicht unbedingt mit den Vorstellungen der Bankkunden verträglich sind.

Anders ist es derzeit noch in den Instituten, bei denen Eigentümer- und Kundenkreis weitgehend übereinstimmen: an erster Stelle die genossenschaftlichen Kreditinstitute wie Raiffeisenbanken und Volksbanken und die in gewissem Sinne "eigentümerlosen" Sparkassen sowie die von vielen Aktionären getragenen Privatbanken.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-01 08:29:04
Letzte Änderung am 2017-11-01 13:16:29


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