• vom 16.11.2017, 17:40 Uhr

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Update: 16.11.2017, 18:58 Uhr

Gastkommentar

Bitcoin & Co. - das neue Geld?




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Von Marco Büscher

  • Gastkommentar: Kryptowährungen polarisieren. Sind sie eine Alternative zu Fiat-Währungen?





Marco Büscher ist Unternehmensberater und Kapitalmarktexperte.

Marco Büscher ist Unternehmensberater und Kapitalmarktexperte.

© Delf D. Danckwerts

Marco Büscher ist Unternehmensberater und Kapitalmarktexperte.

© Delf D. Danckwerts

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Jedoch, Tatsache ist: Der Preis der digitalen Kryptowährung Bitcoin hat sich allein in den vergangenen zwölf Monaten verzehnfacht - gegenüber US-Dollar, Euro oder Yen. Diese Währungen kennzeichnen die sogenannten Fiat-Währungen (aus dem Latainischen: "es geschehe"), die durch Zentralbanken der Währungsräume wie die US-Federal Reserve, die Europäische Zentralbank oder die Bank of Japan gesteuert werden - und deren Nominalvolumen dabei nicht mehr begrenzt ist. Historisch hat die wundersame Geldvermehrung durch Zentralbanken zu Geldentwertung und Währungsreformen geführt. An diesem Punkt setzt Bitcoin an: Die Bitcoin-Anzahl ist begrenzt.

Bitcoin kokettiert diesbezüglich mit einer Eigenschaft von Gold, das ebenfalls nicht beliebig vermehrbar ist. Gold ist ein physisches Gut, während Bitcoin eine digitale Technologie ist. Auch wenn im Bitcoin-Trend stets eine goldfarbene Bitcoin-Münze medial abgebildet wird: Dieses Symbol ist nur eine Medaille, und solche haben - mit oder ohne Wert - bekanntlich zwei Seiten.

Aktuell beträgt die Bitcoin-Marktkapitalisierung circa 125 Milliarden US-Dollar. Damit nimmt Bitcoin unter der rasant wachsenden Anzahl von Kryptowährungen, von denen weltweit bereits mehr als 1000 zu verzeichnen sind, laut Coinmarketcap.com mehr als die Hälfte der Digital-Marktkapitalisierung von derzeit rund 220 Milliarden Dollar ein. Hohe Volatilität bei Kryptowährungen ist bisher die Regel - sowohl gegenüber den Fiat-Währungen als auch unter den Kryptowährungen untereinander. Dies spiegelt nicht nur Spekulation wider. Sind Bitcoin & Co. ein Strohfeuer oder ein Trend mit nachhaltigen Effekten?



Ein Geldsystem, unabhängig von Staaten und Zentralbanken

Die volatilen Bewertungen zeigen die Unsicherheit der Marktteilnehmer über den technologischen Wert und die Suche des Marktes nach Alternativwährungen, zwischen Spekulation, Goldgräberstimmung und Revolution. Beim Thema Geld und Währungen geht es immer auch um Kontrolle und Macht. So ist öffentlich nicht genau bekannt, wer tatsächlich die größten Bitcoin-Anteile hält.

Bitcoin gibt als Ziel vor, ein Geldsystem zu ermöglichen, das unabhängig von Staaten und Banken funktioniert, basierend auf einer Blockchain, dessen Grundlage eine dezentrale, weltweit verteilte Datenbank ist. Diese Datenbank besteht aus Datenblöcken, die miteinander verbunden sind und so eine Manipulierbarkeit höchst unwahrscheinlich oder gar unmöglich machen sollen. Bitcoin wird durch keine zentrale Institution garantiert. Die Bitcoin-Gemeinschaft soll die Kontrollfunktion vorgeblich sicher ausführen können. Dies ist unter anderem auch vom technologischen Funktionieren abhängig und löst bei einer wachsenden Zahl von Transaktionen einen erheblichen Server- und Strombedarf aus.

Welche Eigenschaften hat das Geld der Fiat-Währungen? Geld ist Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel. Bargeld ist eine Möglichkeit, Eigentum aufzubewahren. Bargeld hält man in der Hand oder im Tresor. Bargeld in Form von Banknoten und Münzen ist Zentralbankgeld. Zentralbanken geben es heraus und garantieren dieses. Jedoch ist das Zentralbankgeld aktuell nicht mehr hinreichend mit Werten wie Gold hinterlegt. Geld auf Bankkonten der Geschäftsbanken ist Buchgeld. Geschäftsbanken weisen es aus und garantieren es. Allerdings ist die Summe des Buchgeldes aktuell durch keinen Einlagensicherungsfonds mit nachhaltigen Werten abgesichert.

Die seit 2008 - der ersten Phase der Finanzkrise - weltweit begebenen Billionen-Spritzen der Zentralbanken haben die systemischen Probleme des globalen Finanzsystems nicht beseitigt. Die Europäische Zentralbank hat seit 2015 mit mehr als 2,5 Billionen Euro in streitbarer Weise in den Kapitalmarkt eingegriffen - und setzt ihr Programm weiterhin fort. Die Zentralbanken betreiben Nullzinspolitik und Negativzinspolitik. Der Zins ist der Preis für Geld. Was ist dieses Geld wert, wenn es nichts kostet?

Negativzinsen wären ohne Bargeld leichter durchzusetzen

Die Durchsetzbarkeit von Negativzinsen wäre bei einer Eindämmung oder einem Verschwinden von Bargeld deutlich höher. Politische Argumente lauten, Bargeld sei kostenintensiv und begünstige Schattenwirtschaft. De facto ist Bargeld jedoch ein beliebtes Zahlungsmittel der Verbraucher.

Wäre die Transaktion von Buchgeld zu Bargeld - zum Beispiel durch die Pleite von Geschäftsbanken, unzureichende Einlagensicherung, die Eindämmung oder gar die Abschaffung von Bargeld - eingeschränkt, wäre die Zahlungs- und Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes physisch nicht so möglich wie heute. Geld physisch zu halten, erscheint jedoch als Bedürfnis und auch als gutes Recht jeden Entscheiders über seine Werte, in welche die Wertegemeinschaft vertraut.

Das Vertrauen in eine Währung ist einer der entscheidenden Wertfaktoren. Der Kurs einer Zentralbank-Währung wie US-Dollar, Euro oder Yen ist ein relativer Ausdruck der Erwartungen und des relativen Vertrauens in die systemische Leistungsfähigkeit des zugrunde liegenden politischen Wirtschafts- und Ordnungsraumes gegenüber anderen, respektive ein Vertrauen in die Zentralbanken. Um dieses Vertrauen steht es nicht zum Besten. Wer allerdings würde so weit gehen, zu behaupten, dass analog der Wertentwicklung der Fiat-Währungen gegenüber Bitcoin derzeit bereits eine Geldentwertung der Fiat-Währungen gegenüber der Kryptowährung zugeschrieben werden könnte?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-16 17:44:09
Letzte Änderung am 2017-11-16 18:58:22


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