• vom 10.01.2018, 09:00 Uhr

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"Die Versuchung der Gläubigen"




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Von Friedrich E. Starp

  • Das "Vater unser" und die Frage der korrekten Übersetzung.

Friedrich E. Starp ist Diplom-Informatiker, Laborplaner und war Lehrbeauftragter für interaktive Medien. Er ist Ältester einer evangelischen Freikirche. Foto: privat

Friedrich E. Starp ist Diplom-Informatiker, Laborplaner und war Lehrbeauftragter für interaktive Medien. Er ist Ältester einer evangelischen Freikirche. Foto: privat Friedrich E. Starp ist Diplom-Informatiker, Laborplaner und war Lehrbeauftragter für interaktive Medien. Er ist Ältester einer evangelischen Freikirche. Foto: privat

Es ist irgendwie bezeichnend, wenn ein 60-köpfiges Expertengremium seit zehn Jahren an einer Auslegungsvariante zum "Vater unser" tüftelt - offenbar ohne zu einem greifbaren Ergebnis zu kommen. Dabei wäre es viel einfacher: Wenn wir nicht den Fehler machen, unser persönliches Missfallen an die Stelle des geschriebenen Wortes zu setzen, brauchen wir solche Gremien nicht wirklich.

Die sechste Bitte im "Vater unser" lautet: "Führe uns nicht in Versuchung." Oder wie es in anderen Übersetzungen heißt: "Stelle uns nicht auf die Probe." Wenn Jesus uns diese Bitte in den Mund legt, so wohl deshalb, weil er unsere Versuchung an den Tag bringen will, das Gericht in eigene Hände zu nehmen, so wie das der Pharisäer tut, wenn er behauptet, dass das Wort des Gesetzes der Wille Gottes sei. Wir bitten Gott um Stärke, der Versuchung des Schöpfungswerkes zu widerstehen, die sich beispielsweise darin äußert, dass wir alle an der Sucht leiden, die uns dazu treibt, mehr zu nehmen, als wir brauchen, und unser eigenes Recht auf Kosten anderer einzufordern.


Der biblische Gott stellt sein Volk auf die Probe

Händereichen zum "Vater unser". Foto: Peter Behavy/www.floridofilm.at

Händereichen zum "Vater unser". Foto: Peter Behavy/www.floridofilm.at Händereichen zum "Vater unser". Foto: Peter Behavy/www.floridofilm.at

Wenn die Übersetzer im Laufe der Jahrhunderte versucht haben, den Wortlaut der sechsten Bitte im Vaterunser zu ändern, so liegt es daran, dass man sich nicht mit dem Gedanken anfreunden konnte, dass Gott uns in Versuchung führt. Ende 2017 nahm überraschenderweise Papst Franziskus zur Sache Stellung, weil auch er nicht der Auffassung war, dass Gott ein Versucher sei. Er schlug folgende Übersetzung vor: "Lass uns nicht in Versuchung kommen." Das ist allerdings keine gute Übersetzung, sie reißt den griechischen Grundtext aus seinem biblischen Zusammenhang und entfernt Gott aus der Versuchung. Aber der biblische Gott erprobt immer wieder sein Volk, das nicht selten der Versuchung erliegt.

Aus einer Gleichung zwischen Gut und Böse entfernen Papst Franziskus und viele mit ihm einfach Gott, weil sie nicht haben wollen, dass Prüfungen und Versuchungen von Gott kommen. Er ist außerhalb der Welt von Prüfungen und Versuchungen, die allein Werk des Bösen sind. Das ist das alte dualistische Weltbild, das sich hier entfaltet in all seinem kosmologischen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, dem Himmlischen und dem Irdischen.

Das Problem ist aber nicht allein ein philologisches Übersetzungsproblem, sondern vor allem ein christologisches. Es geht um Christus. Christus wurde Mensch, ganz und gar Mensch, geboren von einer jungen Frau - und ist doch noch immer Gott. Das ist in sich paradox. Aber wir müssen daran festhalten, dass Gott Mensch wurde, und dass er deshalb kein Halbgott war, sondern wirklich ein Mensch mit Gefühlen, Sinnen und Trieben.

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Dokument erstellt am 2018-01-08 15:35:08



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