• vom 18.01.2018, 16:28 Uhr

Gastkommentare

Update: 19.01.2018, 14:33 Uhr

Gastkommentar

1918 - 1938 - 2018




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Von Heinz Fischer

  • Gastkommentar des Bundespräsidenten a.D. zum Auftakt des heurigen Gedenk- und Erinnerungsjahres.



AM ABDULLAH BIN ZAYED AL NAHYAN BEI BP FISCHER

© APA/BUNDESHEER/PETER LECHNER AM ABDULLAH BIN ZAYED AL NAHYAN BEI BP FISCHER© APA/BUNDESHEER/PETER LECHNER

Der anstehende 100. Geburtstag der Republik Österreich ist ein idealer Anlass, um sich mit der Geschichte und dem Wesen unseres Landes, mit der Befindlichkeit seiner Demokratie und mit seiner europäischen Verantwortung zu beschäftigen. Die Befassung mit der Geschichte eines Landes dient auch der Schärfung des Blickes auf zukünftige Entwicklungen, Chancen und Gefahren. Denn um die Zukunft eines Landes beurteilen und gestalten zu können, muss man jedenfalls auch die Vergangenheit und die Fehler der Vergangenheit in Betracht ziehen. Dies ist meine Grundthese.

Die große Ungewissheit vor 100 und vor 80 Jahren

Inzwischen sind wir am 19. Tag des Jubiläumsjahres 2018 angelangt, und ich stelle mir zunächst die Frage: Wo genau ist Österreich vor exakt 100 Jahren, im Jänner 1918, also im vierten Jahr des Ersten Weltkrieges - damals noch als Monarchie unter der Führung von Kaiser Karl und Ministerpräsident Ottokar Graf Czernin - gestanden? Wie sahen die Zukunftsperspektiven damals aus? Ich denke, dass man im Jänner 1918 noch wenig Ahnung hatte und haben konnte, wie Österreich und Europa auch nur ein Jahr später, also im Jänner 1919, aussehen würden. Die Geschichte verläuft eben nicht linear, sie hat immer wieder Bruchstellen, wo sich in wenigen Tagen oder Wochen mehr ändert als sonst in Jahren oder Jahrzehnten.

Und wie war es vor 80 Jahren, im Jänner 1938? Auch da konnte man nicht genau wissen, dass zwei Monate später Adolf Hitler ein Ultimatum an die österreichische Staatsführung stellen und damit Bundeskanzler Schuschnigg zum Rücktritt zwingen würde, was den Einmarsch deutscher Truppen beziehungsweise die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich zur Folge haben sollte, sodass am 15. März 1938 Hitler, der Führer und Reichskanzler des Deutschen Reiches, von einem Balkon am Heldenplatz aus vor mehr als 200.000 fanatisierten und nahezu hypnotisierten Menschen mit sich überschlagender Stimme verkünden konnte: "Ich kann somit in dieser Stunde dem deutschen Volke die größte Vollzugsmeldung meines Lebens abstatten: Als Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich! Sieg Heil!"

In einer anderen Rede versprach Hitler, der Stadt Wien, dieser Perle, eine neue Fassung zu geben, woran sich viele Wienerinnen und Wiener bitter erinnerten, als Wien sieben Jahre später rund um einen brennenden Stephansdom herum in Trümmern lag und sich die Schuttberge hoch auftürmten, aber auch zehntausende getötete deutsche und russische Soldaten sowie Zivilisten zu begraben waren. Hitler bedeutete Krieg, das hatten zwar viele schon Jahre vor seinem Einmarsch in Österreich gewusst, aber zu wenige hatten die Warnungen ernst genommen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-18 16:32:10
Letzte Änderung am 2018-01-19 14:33:35


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