• vom 19.01.2018, 14:47 Uhr

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Update: 19.01.2018, 15:31 Uhr

Gastkommentar

Wissen sucht Anwendungs-
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Von Sabine M. Fischer

  • Fehlverhalten basiert oft nicht auf mangelndem Ausbildungswissen, sondern auf mangelnden Möglichkeiten, dieses Wissen im Alltag einzusetzen.

Sabine M. Fischer, Inhaberin von SYMFONY Consulting, ist Human Resources-Unternehmensberaterin mit den Schwerpunkten Handel und Bildung.

Sabine M. Fischer, Inhaberin von SYMFONY Consulting, ist Human Resources-Unternehmensberaterin mit den Schwerpunkten Handel und Bildung. Sabine M. Fischer, Inhaberin von SYMFONY Consulting, ist Human Resources-Unternehmensberaterin mit den Schwerpunkten Handel und Bildung.

Eva L. wird von ihren Vorgesetzten auf eine dreitägige Fortbildung geschickt. Mit neuen Perspektiven und mit neuen Techniken "aufmunitioniert", kommt sie zurück - und verliert binnen Wochenfrist ihren Glauben an die Möglichkeit, das Gelernte im Job umsetzen zu können. Was ist passiert?

Zunächst machen die Prozesse in ihrer Abteilung die Anwendung des neu erworbenen Wissens schlichtweg unmöglich. Als L. ihre Vorgesetzten auf die neu entdeckten Chancen aufmerksam macht, findet L. keine Unterstützung: Ein Umbau der Abläufe in der Abteilung würde "einen Umbau des Gesamtunternehmens" bedürfen und dafür "hat jetzt wirklich keiner Zeit", denn "wir haben ganz andere Sorgen". Mit diesem und anderen Beispielen im Hinterkopf ist es erstaunlich, dass, sobald im Schul- oder Pflegebereich wieder ein Missstand aufgedeckt wird, wieder der Ruf nach einer besseren Ausbildung der Mitarbeitenden erschallt: Nur wenn diese noch mehr über ihren Tätigkeitsbereich vor Berufsantritt gelernt hätten, würden sie im Berufsalltag richtig handeln.


Fakt ist, dass mit dieser Forderung nach mehr und besserer Ausbildung ein strukturelles Problem individualisiert wird: Der Arbeitsalltag verlangt Menschen oft ein Handeln gegen ihr - auch in der Ausbildung erworbenes - besseres Wissen ab. Lehrer kennen genau den wachsenden Förderbedarf von 15-jährigen funktionalen Analphabeten, ebenso wie Pflegekräfte genau wissen, dass das Waschen, Kämmen, Anziehen von kranken Personen nicht bei allen im gleichen Minutentakt erfolgen kann. Von beiden Tätigkeitsfeldern wissen wir alle, und die Wissenschaft weist es nach, dass das Ergebnis besser ist, wenn den Ausführenden auch Zeit für das individuelle Gespräch bleibt. Trotzdem wird der Arbeitsalltag mit immer mehr Tätigkeiten vollgestopft, sodass immer weniger Zeit für die eigentliche persönliche Betreuungsaufgabe bleibt.

Ein Blick in den Alltag von Schulen und Pflegeheimen zeigt, dass Mitarbeitende hier Abläufe ausführen müssen, die keinesfalls dem neuesten Stand der Wissenschaft und häufig nicht einmal dem Wissensstand ihres Ausbildungsjahrgangs entsprechen. Bevor wir neue Ausbildungsstandards fordern, sollten wir Fragen stellen:

Wie gut ist es in der Organisation im Alltag möglich, das in der Ausbildung erworbene Wissen anzuwenden? Gibt es Vorgaben, die ein Umsetzen des Ausbildungsstandards unmöglich machen?

Haben Führungskräfte auf allen Ebenen das Povouir und die Ressourcen, für ihre Mitarbeitenden die zur professionellen Bewältigung des Alltags notwendigen Strukturen zu schaffen bzw. zu erhalten?

Bestehen wir als Bürger stark genug darauf, dass es in unserem Staat und in unseren Unternehmen im Alltag genug Raum und Zeit für das Anwenden von aktuellen Forschungsergebnissen gibt?

Strukturen fallen nicht vom Himmel. Im öffentlichen Dienst ein Mindsetting zu schaffen, das die bestmögliche Anwendung modernen Wissens bei allen Abläufen und auf allen Entscheidungsebenen als Maxime sieht, ist die Chance der neuen Regierung für eine markante Modernisierung Österreichs.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-01-19 14:53:04
Letzte Änderung am 2018-01-19 15:31:06



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