• vom 14.02.2018, 18:49 Uhr

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Eine wechselhafte Geschichte




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Von Michael Gehler


    Michael Gehler ist Gründungsdirektor des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2013 bis 2017) und seit 2006 Jean-Monnet-Professor für vergleichende europäische Zeitgeschichte an der Universität Hildesheim. Foto: privat

    Michael Gehler ist Gründungsdirektor des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2013 bis 2017) und seit 2006 Jean-Monnet-Professor für vergleichende europäische Zeitgeschichte an der Universität Hildesheim. Foto: privat Michael Gehler ist Gründungsdirektor des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (2013 bis 2017) und seit 2006 Jean-Monnet-Professor für vergleichende europäische Zeitgeschichte an der Universität Hildesheim. Foto: privat

    Die SPD ist mit dem Vereinigungsparteitag von Gotha (1875) und ihren Gründervätern August Bebel und Wilhelm Liebknecht mit rund 150 Jahren die älteste Partei Deutschlands. Alter schützt jedoch vor Torheit nicht. Der Rücktritt von allen Ämtern von Martin Schulz, der gerade vor einem Jahr mit 100 Prozent vom Parteitag zum Kanzlerkandidaten gekürt worden war und zuletzt ein respektables Verhandlungsergebnis für die SPD mit der CDU/CSU erzielte, ist ein Vorgang, für den die Geschichte dieser Partei viele Beispiele kennt.

    Erst auf der rechten Seite, dann gegen Hitler und Stalin
    Anfang August 1914 bewilligte die von Friedfertigkeit und Internationalismus durchdrungene deutsche Sozialdemokratie im Zuge des Kaiserwortes "Ich kenne keine Parteien, ich kenne nur noch Deutsche" - was Ende Juli noch als undenkbar galt - die Kriegskredite im Reichstag, die Deutschland am ersten großen Weltenbrand mitwirken ließen. Während des Krieges spaltete sich die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) 1917 ab, und davon löste sich 1918 noch der parteiunabhängige Spartakusbund unter Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Im Bündnis mit den Freikorps trat die SPD unter Reichswehrminister Gustav Noske gegen die kommunistischen Räterepublikaner an und trug zu deren blutiger Niederlage nach der November-Revolution bei.



    Im März 1933 stimmte die SPD unter Wortführung von Otto Wels als einzige Fraktion im Reichstag gegen das Ermächtigungsgesetz Adolf Hitlers, büßte dafür umso mehr nach seiner Machtfestigung mit Exil, Haft, Terror und Verfolgung. 1946 erfolgte dann in der sowjetischen Besatzungszone die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Kurt Schumacher, der SPD-Vorsitzende im Westen, schwer gezeichnet vom Ersten Weltkrieg und von der KZ-Haft, sprach nach der Zwangsfusion mit den ostdeutschen Kommunisten von "rotlackierten Faschisten".


    Zurück zur Westintegration und mutiger Aufbruch
    Schumacher prophezeite zutreffend, dass Konrad Adenauers Politik der Westintegration, zu der er mit Fundamentalopposition auf harten Konfrontationskurs ging, zur Teilung Deutschlands und Europas beitrage. Folglich empfahl er, das Angebot Stalins für ein neutrales Deutschland 1952 zu prüfen. Adenauer wollte jedoch "keine Experimente", gewann 1953 die Wahlen und erhielt 1957 sogar die absolute Mehrheit, was die SPD zwang, sich auch zur bundesdeutschen Westbindung im Godesberger Programm von 1959 zu bekennen.

    Willy Brandt trat 1969 als SPD-Chef mit dem Slogan "Mehr Demokratie wagen!" an, gewann die Wahl und bildete mit der FDP unter Walter Scheel erstmals in der Bundesrepublik eine sozialliberale Koalition, deren Ostpolitik beispielgebend wurde. Das Trio Brandt-Schmidt-Wehner konnte sich zwar intern nicht riechen, hielt aber nach außen eisern zusammen. Der intern unnahbare, in der Öffentlichkeit aber publikumswirksame Brandt wurde 1974 durch Günter Guillaume, einen von der DDR-Staatssicherheit im Bundeskanzleramt platzierten Topspion, zu Fall gebracht.

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    Dokument erstellt am 2018-02-14 20:53:28